Ausland | Sonntag, 24. Juli 2011, 16:13 Uhr

Todesschütze nennt Massaker in Norwegen notwendig

Candles and flowers are arranged on the ground near the blast site to mourn the victims of a rampage on an island and in the capital Oslo July 23, 2011.
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Norwegian Prime Minister Jens Stoltenberg arrives to attend a memorial service at a cathedral in Oslo, July 24, 2011.
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A Norwegian national flag is seen among flowers to mourn the victims of a shooting spree on an island in the countryside and a bomb attack in the capital Oslo July 23, 2011.
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Oslo Das traumatisierte Norwegen trauert um die 93 Opfer des schwersten Massakers der Neuzeit.

König Harald und Ministerpräsident Jens Stoltenberg waren am Sonntag die prominentesten Teilnehmer eines Trauergottesdienstes im Osloer Dom unweit des schwerbeschädigten Regierungsviertels. Der mutmaßliche Täter, ein 32 Jahre alter Rechtsextremist, bezeichnete den Massenmord an überwiegend jungen Leuten als grausam, aber notwendig. Anders Behring Breivik habe nicht nur den Angriff auf ein Jugendlager der regierenden Sozialdemokraten, sondern auch den Bombenanschlag gegen das Regierungsviertel in Oslo gestanden, teilte dessen Verteidiger mit. Die wegen ihres späten Eingreifens in die Kritik geratene Polizei bestätigte die Echtheit eines Manifests, in dem Breivik sein Handeln ideologisch begründete.

"Das ist eine nationale Tragödie", wiederholte Stoltenberg vor dem Osloer Dom. Weinende Menschen legten vor dem Gotteshaus Blumen und Kerzen nieder. Soldaten mit schussbereiten Gewehren und kugelsicheren Westen hatten auf den Zufahrtsstraßen Stellung bezogen.

"Er hat gesagt, dass die Taten grausam sind, aber dass sie nach seiner Ansicht notwendig waren", sagte Rechtsanwalt Geir Lippestad zu Breiviks Geständnis. Sein Mandant werde sich auch vor Gericht äußern, das voraussichtlich am Montag über die Fortdauer der Untersuchungshaft entscheiden wird. Breivik habe die Taten zwar gestanden, sich aber nicht eines Verbrechens für schuldig erklärt, sagte der amtierende Polizeichef Sveinung Sponheim. Breivik, dem bei einer Verurteilung maximal 21 Jahre Haft drohen, habe sich als Einzeltäter bezeichnet. Mehrere am Sonntag vorübergehend festgenommene Personen hatten nach Polizeiangaben nichts mit dem Massaker zu tun.

Der Attentäter hatte am Freitag zunächst einen Bombenanschlag auf den Amtssitz Stoltenberg verübt. Kurz darauf griff der in einer Polizeiuniform gekleidete Mann das Zeltlager der jungen Sozialdemokraten auf der gut eine Autostunde von Oslo entfernten Insel Utöya an und erschoss kaltblütig mindestens 86 Jugendliche und junge Erwachsene. Die Zahl der Toten beider Anschläge stieg nach einem Bericht des Fernsehsenders NRK mittlerweile auf 93. Da die Polizei noch einige Vermisste sucht, könnten am Ende bis zu 98 Menschen getötet worden sein.

"Eine paradiesische Insel wurde zur Hölle", sagte Stoltenberg am Samstag bei einem Treffen mit Überlebenden, mit denen auch König Harald, dessen Frau und Kronprinz Haakon sprachen. Er habe einige der Opfer persönlich gekannt, sagte der Regierungschef tief betroffen. Er selbst sei fast jeden Sommer auf dieser Insel gewesen und habe dort schöne Tage verbracht. "Seit dem Zweiten Weltkrieg hat unser Land nicht so ein schweres Verbrechen gesehen", sagte Stoltenberg.

TÄTER STELLTE 1500-SEITIGES PAMPHLET INS INTERNET

Wenige Stunden vor der Tat stellte der rechtsextreme Fanatiker Breivik ein 1500 Seiten umfassendes anti-islamisches Pamphlet ins Internet. Darin äußerte er seinen Hass auf "Kultur-Bolschewisten" und rief zum "Kreuzzug" gegen die Verbreitung des Islam auf. "Wenn du zum Schlag entschlossen bist, ist es besser zu viele als zu wenige zu töten, weil du sonst den gewünschten ideologischen Erfolg deines Schlags verringerst", heißt es in dem Papier. Die Polizei bestätigte inzwischen die Autorenschaft des 32-Jährigen. Zudem erschienen Videos des Rechtsextremisten auf der Interplattform "YouTube", auf denen unter anderem als Kampfschwimmer mit automatischem Gewehr posierte.

Norwegen war bisher von schweren Anschlägen verschont geblieben. Das liberale Land vergibt den Friedensnobelpreis und hat in internationalen Konflikten unter anderem im Nahen Osten und auf Sri Lanka vermittelt. Das dünn besiedelte Land ist offen für Zuwanderung und gewährte nach 1933 auch Deutschen Asyl, darunter dem späteren Bundeskanzler Willy Brandt. Die vor allem von den Sozialdemokraten betriebene multikulturelle Politik wird von der rechtspopulistischen Fortschrittspartei angegriffen, der Breivik früher angehörte.

Die Zeitung "Verdens Gang" zitierte einen Freund Breiviks mit den Worten, dieser sei vor einigen Jahren zum Rechtsextremisten mutiert und habe in Internetforen nationalistische Ansichten vertreten. Auf seiner mittlerweile gesperrten Facebook-Seite hatte Breivik angegeben, sich für Bodybuilding, konservative Politik und Freimaurerei zu interessieren. Nach Berichten norwegischer Medien hatte der 32-Jährige am 17. Juli in seinem Twitter-Account folgende Botschaft hinterlassen: "Eine einzelne Person mit einer Überzeugung ist so mächtig wie Hunderttausende, die nur Interessen verfolgen."

Polizeichef Sponheim bestätigte inzwischen, dass die Sicherheitskräfte erst mit Verzögerung am Tatort auf der Insel eingetroffen seien, die 500 Meter vom Festland entfernt in einem See liegt. "Die Reaktion auf den Alarm war schnell. Es gab Probleme mit dem Transport zur Insel."

Bundeskanzlerin Angela Merkel rief dazu auf, gemeinsam gegen Ausländerfeindlichkeit und Hass einzustehen. "Dieser Hass ist unser gemeinsamer Feind", sagte Merkel am Samstag in Berlin. Alle, die an ein friedliches Zusammenleben glaubten, müssten dem gemeinsam entgegenwirken. Sie habe in einem Telefonat mit Stoltenberg Norwegen ihre Anteilnahme ausgedrückt.

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