Unternehmen | Montag, 10. Dezember 2012, 12:06 Uhr

Opel macht Bochum dicht - 3000 Stellen in Gefahr

Bochum/Hamburg Opel macht sein Werk in Bochum mit 3365 Beschäftigten dicht: Passend zum 50. Geburtstag der Fabrik kündigte der Vorstand am Montag auf einer von Tumulten begleiteten Betriebsversammlung an, die Produktion des Familienwagens Zafira in der Ruhrgebietsstadt 2016 auslaufen zu lassen.

Opel-Vize Thomas Sedran begründete die Schließung mit dem dramatisch rückläufigen Automarkt in Westeuropa und die hohen Überkapazitäten. Trotz intensiver Bemühungen sei es nicht gelungen, die Situation für die Fabrik zu verbessern.

Damit fällt das erste deutsche Automobilwerk der Absatzkrise in Westeuropa zum Opfer. Opel leidet wie andere Massenhersteller massiv darunter, dass in den Krisenstaaten Südeuropas kaum neue Autos verkauft werden. Hinzu kommen Managementfehler in den vergangenen Jahrzehnten, durch die die General-Motors-Tochter den Anschluss an die Konkurrenz verloren hat.

Die Beschäftigten reagierten empört. Nach Angaben von Teilnehmern kam es während der nichtöffentlichen Versammlung zu Tumulten. "Was der Vorstand hier macht, ist der Hammer", beschwerte sich Ralf Plumhoff-Klein. "Einfach die Schließung ankündigen und weggehen. Das ist ein Schlag ins Gesicht des Ruhrgebiets."

"IN BOCHUM BLEIBT NUR NOCH HARZ IV"

"Wie soll das jetzt in Bochum weiter gehen? Für Jugendliche gibt es nur noch Harz IV", sagte Fatih Sariso, im dritten Lehrjahr bei Opel. Er hoffe, wenigstens seine Lehre abschließen zu können. Ein anderer Teilnehmer berichtete, Mitarbeiter hätten versucht, den Vorstand aufzuhalten, um Fragen zu stellen. Dabei sei es zu Remplereien mit Sicherheitsleuten gekommen. "Es gab ein Sicherheitsaufgebot wie in Fort Nox", sagte der IG-Metall-Delegierte Paul Fröhlich.

Gesamtbetriebsratschef Wolfgang Schäfer-Klug kündigte an, die Verhandlungen mit dem Management über den Erhalt von möglichst vielen Arbeitsplätzen in Bochum fortzusetzen. Mit der Ankündigung durch das Management, das Werk dichtzumachen, seien die Gespräche "weder abgeschlossen noch abgebrochen", sagte er Reuters. Die Landesregierung verlangte eine Perspektive für die Beschäftigten. "Jetzt muss es darum gehen, den Opel-Vorstand beim Wort zu nehmen. Es muss ernsthaft und belastbar an einer Perspektive für den Standort gearbeitet werden", erklärt Ministerpräsidentin Hannelore Kraft.

Opel-Aufsichtsratschef Stephen Girsky versprach, "eine signifikante Zahl" an Arbeitsplätzen im Lagerbereich und einer möglichen Komponentenfertigung in Bochum zu erhalten. Über einen Ausschluss betriebsbedingter Kündigungen solle mit dem Betriebsrat verhandelt werden. Derzeit sucht noch eine Arbeitsgruppe aus Vertretern des Unternehmens, der Arbeitnehmerbank und der Landesregierung nach Möglichkeiten, um auf dem Werksgelände in der strukturschwachen Region neue Arbeitsplätze anzusiedeln. Dabei wird auch diskutiert, Komponenten für andere Hersteller zu produzieren. Das Werk war in den vergangenen Jahren mehrfach verkleinert worden. Dennoch ist die Fabrik auf einem Gelände mit einer Gesamtfläche von 1,7 Millionen Quadratmetern nach wie vor der größte industrielle Arbeitgeber in der strukturschwachen Region. Das Getriebewerk mit rund 300 Beschäftigten soll bereits Ende nächsten Jahres eingestellt werden. Zu den insgesamt rund 3400 Mitarbeitern kommen noch 430 Beschäftigte eines Warenverteilzentrums, das erhalten bleiben soll.

Sedran bekräftigte, der Standort Deutschland bleibe "das Rückgrat und die Heimat unserer Marke". Insgesamt beschäftigt Opel in Rüsselsheim, Bochum, Eisenach und Kaiserslautern rund 20.000 Mitarbeiter. Europaweit sind es einschließlich der britischen Opel-Schwester Vauxhall etwas weniger als 40.000.

Opel hatte bereits im Juni angekündigt, Bochum eine Galgenfrist bis zum Jahr 2016 zu geben, wenn dort die Produktion des aktuellen Familienwagens Zafira auslaufen soll. Im Gegenzug sollten bis dahin für alle Standorte der hohe Verluste schreibenden GM-Tochter in Deutschland betriebsbedingte Kündigungen ausgeschlossen werden.

BIS ZU 15 WERKE IN EUROPA ÜBERFLÜSSIG

Nach dem Rivalen Ford zieht damit nun auch GM tiefgreifende Konsequenzen aus der Krise in Europa. Ford hat bereits die Schließung von drei Werken in Belgien und Großbritannien mit 5700 Mitarbeitern angekündigt. Der angeschlagenen GM-Partner Peugeot will am liebsten eine Fabrik nahe Paris dichtmachen, wird daran aber von der französischen Regierung gehindert. Diese verlangt im Gegenzug für staatliche Hilfen einen Verzicht auf massiven Stellenabbau. Experten halten europaweit 15 Automobilwerke in der Branche für so schwach ausgelastet, dass sie auf den Prüfstand gehören.

GM, der mit sieben Prozent an Peugeot beteiligt ist, hatte sein verlustreiches Europageschäft zunächst gemeinschaftlich mit dem Partner sanieren wollen. Entsprechende Überlegungen wurden Insidern zufolge angesichts der sich zuspitzenden Absatzkrise aber aufgeben. Die beiden Autobauer konzentrieren sich nun darauf, die Kosten durch gemeinsamen Einkauf und Logistik zu senken. In den nächsten Jahren sollen vier Fahrzeugmodelle gemeinsam entwickelt werden. Frühere Verkaufspläne für Opel hatte GM vor Kurzem aufgeben. Um dies bekanntzugeben, war Konzernchef Dan Akerson unlängst eigens nach Rüsselsheim gereist.

X