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Donnerstag, 3. Januar 2013, 08:15 Uhr

Totenzahl in Syrien über 60.000 - UN "geschockt"

Genf/Amman Die Zahl der Toten im syrischen Bürgerkrieg ist weitaus dramatischer als bekannt: Über 60.000 Menschen kamen nach Erkenntnissen der Vereinten Nationen (UN) in den Auseinandersetzungen zwischen Rebellen und Truppen von Präsident Baschar al-Assad bislang ums Leben.

Die Organisation analysierte die Lage über fünf Monate und glich Angaben aus sieben Quellen ab. Im Zeitraum vom 15. März 2011 bis zum 30. November des abgelaufenen Jahres starben demnach 59.648 Menschen. "Da seit November die Kämpfe nicht nachgelassen haben, können wir davon ausgehen, dass bis zum Beginn des Jahres 2013 mehr als 60.000 Menschen getötet wurden", sagte UN-Menschenrechtskommissarin Navi Pillay am Mittwoch in Genf. Die Zahl der Opfer sei damit weit höher als erwartet, und sie sei "wirklich schockierend".

Die von der syrischen Opposition unterstützte Beobachtungsgruppe für Menschenrechte war bislang von mindestens 45.000 Todesopfern ausgegangen, rechnete aber mit einer hohen Dunkelziffer.

Der Studie zufolge stieg die Zahl der Todesopfer von monatlich rund 1000 im Sommer 2011 auf mehr als 5000 pro Monat seit Juli 2012. Mehr als 20 Prozent der Getöteten gab es den Angaben zufolge in Homs. Im ländlichen Umland von Damaskus waren es mehr als 10.000 Todesopfer.

Aus den Zahlen geht nicht hervor, ob es sich bei den Todesopfern um Rebellen, Soldaten oder Zivilisten handelt. Auch über deren ethnische und Religionszugehörigkeit liegen keine Angaben vor.

LUFTANGRIFF AUF TANKSTELLE - MINDESTENS 30 TOTE

Die Kämpfe halten auch zu Jahresbeginn unvermindert an. In einem Vorort der Hauptstadt Damaskus griffen nach Angaben von Aktivisten syrische Kampfflugzeuge eine Menschen an, die vor einer wiedereröffneten Tankstelle Schlange standen. Dabei seien mindestens 30 Zivilisten getötet worden. Der Zwischenfall ereignete sich in dem hauptsächlich von Sunniten bewohnten Stadtteil Muleiha, einer Hochburg der Opposition. "Bis zu dem Angriff war Muleiha ruhig", berichtete ein Aktivist telefonisch von dort. "Wir hatten vier Tage kein Benzin. Die Leute strömten aus der Stadt und aus der Provinz zur Tankstelle, als eine Lieferung eintraf."

Bei einem Angriff im Wohngebiet Moadamije in der Nähe des Stadtzentrums von Damaskus wurden nach Informationen der Beobachtungsgruppe für Menschenrechte zwölf Mitglieder einer Familie getötet. Die meisten der Opfer seien Kinder gewesen.

REBELLEN GREIFEN LUFTWAFFENSTÜTZPUNKT AN

Die Luftwaffe ist das stärkste Mittel Assads, um ein Vordringen der Rebellen zu verhindern. Diese haben daher schon mehrfach versucht, Stützpunkte der Luftwaffe einzunehmen.

Im Norden des Landes griffen Aufständische den Militärflughafen Afis in der Nähe des Luftwaffenstützpunktes Taftanas an. Nach Berichten der Beobachtungsgruppe für Menschenrechte schossen sie mit Maschinengewehren und Granatwerfern auf die dort abgestellten Hubschrauber. Die beteiligten Kämpfer gehörten den Informationen zufolge islamistischen Gruppen an.

In den Auseinandersetzungen kommt es immer wieder zu Gräueltaten auf beiden Seiten. Als jüngstes Beispiel stellten Rebellen Videoaufnahmen ins Internet, die die Tötung zweier Männer zeigten. Bewaffnete Männer, anscheinend Anhänger Assads, stachen ihnen Messer in den Rücken und steinigten sie mit Betonbrocken. Die Äußerungen der Täter lassen darauf schließen, dass sie die Tat im Namen des Präsidenten Assad begingen. Das Video wurde von der aufständischen Ersten Brigade ins Netz gestellt. Die Aufnahmen seien Angehörigen der Assad-treuen Schabbiha-Miliz abgenommen worden, hieß es. Ihre Echtheit ließ sich nicht überprüfen. Auch Zeit und Ort der Aufnahmen waren unklar.

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