Finanzkrise reißt europäische Banken in die Tiefe

Montag, 29. September 2008, 17:21 Uhr
 

Brüssel/Frankfurt (Reuters) - Die schwerste Finanzkrise seit der Nachkriegszeit trifft jetzt auch europäische Banken mit voller Wucht.

In einer dramatischen Rettungsaktion bewahrten die Bundesregierung und Privatbanken den Münchener Immobilienfinanzierer Hypo Real Estate mit Krediten von 35 Milliarden Euro vor dem Aus. Die Regierungen der Benelux-Staaten mussten dem Finanzkonzern Fortis mit Milliardenhilfen unter die Arme greifen und ihn zu einem großen Teil verstaatlichen. In Großbritannien nahm der Staat die kollabierte Hypothekenbank Bradford & Bingley unter seine Obhut und verstaatlichte damit zum zweiten Mal innerhalb eines Jahres eine Bank.

Positive Nachrichten kamen dagegen aus den USA: Der Kongress einigte sich nach tagelangem Ringen auf das geplante 700 Milliarden Dollar schwere Rettungspaket für das US-Finanzsystem. Noch in dieser Woche soll das Vorhaben abgesegnet werden. Dennoch flüchteten Investoren rund um den Globus massenweise aus Aktien. In Deutschland verlor der Dax über drei Prozent, die Wall Street öffnete gut zwei Prozent im Minus. Vor allem Bank-Aktien standen massiv unter Druck. "Man sieht jetzt, dass nicht nur die amerikanischen Banken, sondern auch die Europäer betroffen sind, und dass die Krise eben doch global ist", sagte Aktienstratege Christian Klude von MM Warburg.

Das Problem der Banken ist der Zusammenbruch der Geldmärkte: Seit dem Kollaps der US-Investmentbank Lehman Brothers Mitte September hat sich die Lage dramatisch verschärft. Banken vertrauen sich untereinander nicht mehr und leihen sich kurzfristig kein Geld mehr. Besonders betroffen sind Institute, die sich zu einem großen Teil über den Kapitalmarkt refinanzieren und kein Einlagengeschäft wie Geschäftsbanken haben. In den USA musste nach dem Zusammenbruch von Lehman der Versicherungsriese AIG Unterschlupf beim Staat suchen, die Investmentbank Merrill Lynch wurde an die Bank of America verkauft. Am Montag übernahm die Citigroup, die von der Finanzkrise mit am schwersten betroffen ist, das operative Geschäft des US-Konkurrenten Wachovia.

KRISENSITZUNG MIT TRICHET

Wie ernst die Lage des Finanzsystems in Europa ist, zeigte die Teilnahme des Präsidenten der Europäischen Zentralbank, Jean-Claude Trichet, an der Krisensitzung am Sonntag zur Rettung von Fortis. Die Regierungen in Belgien, Luxemburg und den Niederlanden greifen dem Konzern mit insgesamt 11,2 Milliarden Euro unter die Arme und übernehmen dafür Teile des Bankgeschäfts in den drei Ländern. Damit ist Fortis zu fast 40 Prozent in staatlicher Hand. "Wir hätten uns raushalten können - aber dann wäre es die Frage gewesen, ob Fortis den Montag überlebt hätte", sagte der niederländische Finanzminister Wouter Bos. Mit 85.000 Mitarbeitern weltweit ist Fortis der größte private Arbeitgeber in Belgien. Fast jeder zweite Haushalt hat dort sein Geld. Um wieder auf die Beine zu kommen, will Fortis den Anteil an der Bank ABN Amro verkaufen, den sie 2007 für 24 Milliarden Euro erworben hatte.

Die Hypo Real Estate war wegen ihrer Tochter Depfa in einen ernsten Liquiditätsengpass geraten. Der in Irland ansässige Staatsfinanzierer kam nicht mehr an ausreichend Geld, um sein Geschäft aufrechtzuerhalten. Durch die von Banken bereitgestellten Kedite von 35 Milliarden Euro ist die Refinanzierung Kreisen zufolge bis Ende 2009 gesichert. Allerdings könnten auf den Steuerzahler neue Lasten zukommen: Der Staat bürgt für Risiken im Volumen von 26 Milliarden Euro. Regierungssprecher Ulrich Wilhelm erklärte, mit der Stützung der Hypo Real Estate sei ein Ausweiten der Finanzkrise auf Deutschland verhindert worden. Im Finanzministerium hieß es, außer der Hypo Real Estate sei keine andere Kreditbank betroffen. Eine Verstaatlichung des Münchener Immobilienfinanzierers stehe nicht zur Debatte.

Anders dagegen in Großbritannien: Die dortige Regierung übernahm Teile der unter der Last der Finanzkrise kollabierten Bradford & Bingley (B&B). Filialen und Spareinlagen gehen für umgerechnet 500 Millionen Euro an die spanische Großbank Santander. "Wir können nicht zulassen, dass sich die Probleme einer Bank ausbreiten und andere Institute infizieren", sagte Finanzminister Alistair Darling. Die Behörden hatten in zahlreichen Krisentreffen versucht, einen Käufer für B&B zu finden. Im Februar hatte Großbritannien bereits die Hypothekenbank Northern Rock verstaatlicht, die sich wie B&B am britischen Immobilienmarkt verhoben hatte.