Euro-Zone steht erstmals vor schwerer Rezession
Berlin (Reuters) - Die Wirtschaft des Euro-Raums steht erstmals in ihrer Geschichte vor einer schweren Rezession.
Die Stimmung in der Industrie fiel im Oktober auf ein historisches Tief. Die Aufträge schrumpften wegen der Finanzkrise und des weltweiten Abschwungs mit Rekordtempo. "Uns droht mehr als nur eine leichte Rezession", sagte Markit-Chefvolkswirt Chris Williamson zu der am Freitag veröffentlichten Umfrage seines Forschungsinstituts unter 3000 Industriefirmen. Der Einkaufsmanagerindex fiel unerwartet deutlich von 45,0 auf 41,3 Punkte. Das ist der niedrigste Wert seit Umfragebeginn 1997. Experten rechnen jetzt mit weiteren Zinssenkungen der EZB, die den Abschwung dämpfen könnten.
Auch bei den Dienstleistern trübte sich das Geschäftsklima ein. Hier sank der Index von 48,4 auf 46,9 Zähler. Das ist der schlechteste Wert seit sieben Jahren. Erst ab 50 Punkten signalisiert der an den Märkten stark beachtete Index ein Wachstum. Die 2000 befragten Dienstleister blickten so skeptisch in die Zukunft wie noch nie.
Im Abwärtstrend befindet sich mit Deutschland auch die größte Volkswirtschaft Europas. Die Industrie trat hier so stark auf die Bremse wie seit 2001 nicht mehr, während zugleich die Aufträge wegbrachen. Vor allem die Autoindustrie verzeichne eine Nachfrageschwäche, schrieben die Marktforscher zu ihrer Umfrage unter 1000 deutschen Unternehmen. Dagegen schrumpfte der Dienstleistungssektor nur minimal.
EXPORTAUFTRÄGE SCHMELZEN IN REKORDTEMPO
Im Euro-Raum drosselten die Industriebetriebe ihre Produktion so stark und klagten über ein so großes Auftragsminus wie noch nie. Sie spüren zunehmend die Abkühlung der Weltkonjunktur, was die Exportaufträge mit Rekordtempo schrumpfen ließ. Die Unternehmen bauten deshalb Personal ab. Das Beschäftigungsbarometer fiel auf den niedrigsten Stand seit Anfang 2002.
Experten werteten die Daten als Beleg für eine schrumpfende Wirtschaftsleistung im Währungsgebiet. "Die Wahrscheinlichkeit einer Rezession ist groß", sagte Stefan Schilbe von HSBC Trinkaus. "Das Risiko ist gewachsen, dass die wirtschaftliche Abschwächung doch langwieriger ist." Die Wirtschaft des Euro-Raums war bereits im Frühjahrsquartal um 0,2 Prozent und damit erstmals geschrumpft. Auch für das Sommerquartal, für das die Daten erst im November vorliegen, wird ein Minus erwartet. In Großbritannien - das nicht zur Euro-Zone gehört - schrumpfte die Wirtschaft im dritten Quartal um 0,5 Prozent und damit zum ersten Mal seit 1992.
Viele Ökonomen gehen davon aus, dass die Europäische Zentralbank (EZB) mit Zinssenkungen auf die spürbar eingetrübte Konjunktur reagieren wird. Sie hatte erst am 8. Oktober ihren Leitzins von 4,25 auf 3,75 Prozent zurückgenommen. "Die Chancen sind deutlich gestiegen, dass die EZB im nächsten Monat noch einmal um einen halben Prozentpunkt nach unten geht", sagte UniCredit-Volkswirt Marco Valli. Bei niedrigeren Zinsen wird es für Banken billiger, sich bei der Notenbank mit frischem Geld einzudecken. Dadurch sinken die Kreditkosten für Unternehmen und Verbraucher, was Investitionen und Konsum ankurbelt.
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