Verbraucher trotz Hiobsbotschaften in Kauflaune

Dienstag, 25. November 2008, 15:27 Uhr
 

Berlin (Reuters) - Trotz immer neuer Hiobsbotschaften aus der Wirtschaft sind die Deutschen in Kauflaune. Rechtzeitig zum Start der heißen Phase des Weihnachtsgeschäfts am ersten Adventswochenende hellte sich die Konsumstimmung überraschend auf.

Die Aussichten für 2009 bleiben aber gedämpft: Die OECD sagte am Dienstag die stärkste Rezession seit Bestehen der Bundesrepublik voraus und rechnet bis 2010 mit einem Anstieg der Arbeitslosenzahl um 700.000.

Der GfK-Konsumklimaindex stieg von 1,9 auf 2,2 Punkte, wie die Nürnberger Gesellschaft für Konsumforschung bei ihrer monatlichen Umfrage unter 2000 Verbrauchern ermittelte. "Die Verbraucher werden sich zu Weihnachten etwas gönnen", sagte GfK-Vorstandschef Klaus Wübbenhorst zu Reuters TV. Obwohl die Deutschen für die Konjunktur so pessimistisch sind wie noch nie seit der Wiedervereinigung, rechnen sie mit einer höheren Kaufkraft und wollen mehr Geld für größere Anschaffungen ausgeben. "Der Konsument hat mehr Geld in der Tasche, weil er an der Tankstelle weniger bezahlt", sagte Wübbenhorst.

INDUSTRIELÄNDER IN DER REZESSION

Ein Liter Benzin kostet derzeit weniger als 1,20 Euro. Im Sommer mussten zeitweise mehr als 1,50 Euro hingeblättert werden. Auch Heizöl wurde deutlich billiger, die Gaspreise dürften in den kommenden Monaten ebenfalls fallen. Die Entlastungen summieren sich nach Schätzungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) auf bis zu 25 Milliarden Euro.

Der Aufwärtstrend beim Konsum kann der Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) zufolge aber den Absturz der deutschen Wirtschaft im kommenden Jahr nicht verhindern. Sie sagt einen Rückgang der Wirtschaftsleistung um 0,9 Prozent voraus. Ein so starkes Minus hat es seit 1949 bislang nur einmal gegeben: 1975 als Folge der Ölkrise. "Das nächste Jahr wird sehr düster", prognostizierte OECD-Experte Felix Hüfner.

Grund für den Absturz ist die globale Konjunkturflaute, die den Exportweltmeister Deutschland besonders hart trifft. "Wir erwarten, dass 21 der 30 Industrieländer in eine langwierige Rezession rutschen, in einer Größenordnung, wie man sie seit den frühen 80er Jahren nicht mehr erlebt hat", sagte OECD-Chefvolkswirt Klaus Schmidt-Hebbel. Das habe Folgen für den deutschen Arbeitsmarkt. Bis 2010 werde die Zahl der Arbeitslosen um 700.000 steigen. Das dürfte auch den Konsum dämpfen.

UNTERNEHMEN KOMMEN SCHWIERIGER AN KREDITE

Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) erwartet 2009 rund 150.000 Arbeitslose mehr. "Die konjunkturelle Abkühlung wird vor allem über die Eintrübung des außenwirtschaftlichen Umfeldes nach Deutschland getragen", sagte DIHK-Hauptgeschäftsführer Martin Wansleben. Die Kammer erwartet nun ein Minus beim Bruttoinlandsprodukt von 0,5 Prozent. Bislang hatte sie ein Plus von einem halben Prozent vorhergesagt.

Die Exportschwäche veranlasse viele Betriebe, ihre Investitionspläne zu überdenken, sagte Wansleben zu einer DIHK-Umfrage unter 1200 Firmen. Diese klagten auch über schlechtere Kreditkonditionen wie höhere Zinsen. Sechs Prozent der Firmen monierten, dass ihre Kreditwünsche von den Banken abgelehnt wurden. Das sind drei Mal so viele wie im September. Besonders betroffen seien kleine Betriebe mit bis zu zehn Mitarbeitern sowie Großunternehmen. "Wir haben aber keine generelle Kreditklemme", sagte Wansleben. Die Verschärfung der Kreditkonditionen sei in Zeiten des Abschwungs normal.

Der stotternde Exportmotor schickte die deutsche Wirtschaft im dritten Quartal erstmals seit fünf Jahren in die Rezession. Das Bruttoinlandsprodukt sank von Juli bis September um 0,5 Prozent im Vergleich zum Vorquartal, wie das Statistische Bundesamt eine frühere Schätzung bestätigte. Das ist bereits der zweite Rückgang in Folge, was nach gängiger Definition als Rezession gilt. Die Exporte sanken um 0,4 Prozent. Gleichzeitig investierten die Unternehmen erstmals seit fast zwei Jahren weniger in Maschinen, Anlagen und andere Ausrüstungen. Einen stärkeren Absturz verhinderten die Verbraucher: Sie gaben zum ersten Mal seit einem Jahr wieder mehr Geld für den Konsum aus.