Scharia wird Rechtssystem im pakistanischen Nordwesten

Montag, 16. Februar 2009, 15:17 Uhr
 

Peshawar (Reuters) - Pakistan führt wieder das islamische Rechtssystem der Scharia in den vom Aufstand der extremistischen Taliban betroffenen Regionen im Nordwesten des Landes ein.

Religionsführer und Vertreter der Nordwestprovinz kamen am Montag überein, im Swat-Tal und angrenzenden Gebieten das weltliche durch das islamische Recht zu ersetzen, wie ein Provinzsprecher mitteilte. Präsident Asif Ali Zardari habe der Entscheidung grundsätzlich zugestimmt. Alle Gesetze, die im Gegensatz zum Koran und der Lehre des Propheten Mohammed stünden, seien null und nichtig.

Die Regierung erhofft sich von diesem Schritt, den Extremisten der Taliban und Al-Kaida das Wasser abzugraben und ihren Einfluss zurückzudrängen. Die Wiedereinführung der Scharia ist ein Zugeständnis an die konservativen, aber zugleich weniger radikalen Kräfte in dem Gebiet. Doch auch wenn sich die Entscheidung zur Wiedereinführung der Scharia gegen die Extremisten richten soll, dürfte sie auf massive Kritik der USA und anderer Länder des Westens stoßen. Sie befürchten, dass damit den Taliban-Extremisten erst recht in die Hände gespielt wird.

In der Region um das Swat-Tal hatte während der britischen Kolonialherrschaft ein lokaler Fürst das Sagen, der Waali. Das Waali-System bestand auch nach der Unabhängigkeit 1947 weiter, bis die Region 1969 in die pakistanische Föderation eingegliedert und die Scharia durch ein weltliches Rechtssystem ersetzt wurde. Bis dahin hatten islamische Rechtsgelehrte, die Qazi, als Richter fungiert. Die Gesetze basierten auf lokalen Traditionen, die ihre Wurzeln in der Scharia hatten.

Anders als bei den Taliban-Gerichten, die durch drakonische Strafen wie das Abhacken von Händen bei Diebstahl und Hinrichtungen durch Steinigung bei Ehebruch berüchtigt sind, erwarten die Behörden mit der Zulassung der Scharia im Swat-Tal keine so drastischen Urteile. Es soll zudem die Möglichkeit geben, gegen Urteile eine Berufungsinstanz anzurufen. Die Verfahren sollen außerdem eher in den Händen normaler Richter mit Islamkenntnissen liegen als bei den islamischen Gelehrten, den Qazi.

Die Wiedereinführung eines islamischen Rechtssystems war den Bewohnern des Swat-Tales von der Regierung mehrfach versprochen worden. Es wurde aber lange Zeit nicht durchgesetzt. Dies nahmen Extremisten zum Anlass, den bewaffneten Widerstand zu organisieren. Die Anhänger von Taliban und Al-Kaida gewannen Zulauf und wandten sich gegen die Regierung. Zuletzt begannen die Extremisten Ende 2007 einen Aufstand. Dabei haben sie bisher 200 Schulen für Mädchen zerstört und Zehntausende Bewohner in die Flucht getrieben.