Karstadt-Muttergesellschaft Arcandor ist pleite

Dienstag, 9. Juni 2009, 19:41 Uhr
 

Essen/Düsseldorf (Reuters) - Der Karstadt-Mutterkonzern Arcandor ist pleite. Nachdem wochenlange Verhandlungen über Staatshilfe gescheitert sind, kann Arcandor millionenschwere Kredite nicht ablösen und stellte am Dienstag Insolvenzantrag.

Davon betroffen sind nach Unternehmensangaben 43.000 Mitarbeiter in Deutschland. Bis zuletzt hatte Konzernchef Karl-Gerhard Eick versucht, die Banken, Vermieter und Großaktionäre - die Privatbank Sal. Oppenheim und die Quelle-Erbin Madeleine Schickedanz - zu weiteren Zugeständnissen zu bewegen. Doch letztlich reichte der Bundesregierung das Engagement nicht aus. Sie sieht in der Insolvenz nun auch Chancen für die Beschäftigten, während sich schon einige Interessenten für Unternehmensteile in Stellung bringen.

"Der Insolvenzantrag war unvermeidbar und er war mehr als konsequent", räumte Arcandor-Chef Eick in Essen ein. "Aber wir stecken auch jetzt nicht den Kopf in den Sand", sagte er. "In jedem Ende steckt ein neuer Anfang." Arcandor werde sein Restrukturierungs- und Sanierungskonzept vorantreiben - wenn auch mit Änderungen. Unter der Insolvenz sollte es sogar schneller umgesetzt werden können. Eick machte klar, dass er an den drei Säulen - Warenhaus mit Karstadt, Versandhandel mit Primondo und Touristik mit Thomas Cook - festhalten wolle: "Mir geht es um den Erhalt des Konzerns als Ganzes." Zu den Aushängeschildern des Konzerns gehören unter anderem das KaDeWe in Berlin und das Alsterhaus in Hamburg.

Zum vorläufigen Insolvenzverwalter bestellte das Amtsgericht Essen den Kölner Rechtsanwalt Klaus Hubert Görg. "Insolvenz ist nicht mehr synonym mit dem Begriff 'Pleite'", betonte er. "Das soll das Ziel sein." Arcandor soll sich im Rahmen eines Insolvenzplanverfahrens in Eigenregie sanieren. Ziel ist es dabei, das Unternehmen in wesentlichen Teilen zu erhalten. Der Experte Horst Piepenburg wurde zum Generalbevollmächtigten ernannt. Er hatte unter anderem die Modekette SinnLeffers saniert. Bei Arcandor, "dem größten Insolvenzverfahren Deutschlands", gehe es nicht darum, bloß Teilsegmente wieder in die Spur zu bringen, betonte Piepenburg. Mit dem Insolvenzgeld im Rücken, dass die Gehälter bis August sichert, gebe es neuen Spielraum.

Die im MDax notierten Arcandor-Aktien, die vorübergehend vom Handel ausgesetzt waren, befanden sich nach Bekanntgabe der Pleite im freien Fall und beendeten den Handel mit einem Minus von 48 Prozent auf 55 Cent. Der Konzern könnte noch in diesem Monat aus dem Nebenwerteindex fliegen.

INTERESSENTEN FÜR TEILE DES KONZERNS

Das Geschäft in den Karstadt-Warenhäusern, das bis ins Jahr 1881 zurückgeht, und bei der Versandhandelstochter Primondo rund um die Traditionsmarke Quelle soll zunächst weiterlaufen wie bisher. Doch klopfen bereits Interessenten an. Die Bundesregierung hatte den aus KarstadtQuelle hervorgegangenen Konzern dazu gedrängt, mit dem Konkurrenten Metro über eine Deutsche Warenhaus AG aus Karstadt und Kaufhof zu verhandeln. Die Metro bekräftigte nun ihre Bereitschaft, weiter über ihr Konzept, das die Übernahme von etwa 60 Karstadt-Standorten vorsieht, sprechen zu wollen.

Für Primondo gibt es Regierungskreisen zufolge mehrere Interessenten aus dem In- und Ausland. Interesse hatte etwa Konkurrent Otto gezeigt. Auf Cook, das fast 60 Prozent zum Konzernumsatz und annähernd 90 Prozent zum operativen Ergebnis beiträgt, hat die Rewe-Gruppe ein Auge geworfen. Seine Mehrheitsbeteiligung verpfändete Arcandor an die Banken. Cook ist von der Insolvenz ebenso unberührt wie die Spezialversender von Primondo und der TV-Shopping-Sender HSE 24.

Arcandor muss nach eigener Auskunft bis Freitag Darlehen über 710 Millionen Euro zurückzahlen. Doch die Bundesregierung hatte eine Staatsbürgschaft aus dem Deutschlandfonds für von der Finanzkrise betroffene Unternehmen ebenso wie einen Rettungsbeihilfe-Kredit über 437 Millionen Euro. Das Angebot, einen neuen Antrag einzureichen, nahm Arcandor nicht wahr, weil die geforderte Verbesserung "nicht erreichbar" gewesen sei.  Fortsetzung...

 
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