Merkel stellt sich entschieden hinter Afghanistan-Einsatz

Freitag, 3. Juli 2009, 07:13 Uhr
 

Berlin/Garmsir (Reuters) - Bundeskanzlerin Angela Merkel hat sich entschieden hinter den Afghanistan-Einsatz gestellt.

"Wir sind mit Einverständnis der afghanischen Regierung in Afghanistan, und wir werden vor dieser Aufgabe nicht weglaufen, sondern wir werden sie Stück für Stück erfüllen", betonte Merkel am Donnerstag im Bundestag. Der Einsatz sei gefährlich, aber ohne Alternative. Im thüringischen Bad Salzungen nahmen derweil Familien und Kameraden mit einer Trauerfeier Abschied von drei Soldaten, die vergangene Woche bei Kundus getötet worden waren.

Am Abend beschloss der Bundestag die Erweiterung der Mission. Bis zu 300 zusätzliche deutsche Soldaten sollen zum Einsatz kommen, wenn die Nato demnächst wie geplant Awacs-Aufklärungsflugzeuge an den Hindukusch schickt. Die fliegenden Radarstationen sollen den Luftverkehr in Afghanistan sicherer machen. Dies würde auch der Bundeswehr zugutekommen, die die Mehrzahl der Transportflüge für die Nato erledigt.

Bei der Trauerfeier in Bad Salzungen kündigte Verteidigungsminister Franz Josef Jung an, die Bundeswehr werde sich den "Handlangern des Terrorismus" weiter entschieden in den Weg stellen. Das sei sie den Toten schuldig. Die Angreifer wollten die öffentliche Meinung in Deutschland beeinflussen und einen Abzug der Bundeswehr zu erzwingen. "Das wird ihnen nicht gelingen", betonte Jung. "Diejenigen, die jetzt an Rückzug denken, würden Afghanistan wieder in die Hände der Taliban geben. Genau das ist es, was die Taliban erreichen wollen".

Die drei Soldaten im Alter zwischen 21 und 23 Jahren waren Dienstag vor einer Woche bei Gefechten nahe Kundus mit ihrem Panzer von der Straße abgekommen und in einen Wassergraben gestürzt. Sie hatten an dem Tag nach den Worten Jungs den Auftrag, eine wichtige Straße auf Sprengfallen zu überprüfen, damit die Einheimischen sie wieder sicher befahren könnten. Kundus ist mit Abstand der gefährlichste Einsatzort der Bundeswehr. Zuletzt hatte sich die Sicherheitslage mit quasi militärischen Attacken auf die deutschen Soldaten deutlich verschärft.

USA STARTEN GROSSOFFENSIVE GEGEN TALIBAN

Im Süden Afghanistans begann die US-Armee unterdessen ihre größte Offensive seit dem Amtsantritt von Präsident Barack Obama. Zugleich wurde bekannt, dass die Taliban einen US-Soldaten als Geisel festhalten. Der Soldat sei während einer Patrouille in der südöstlichen Provinz Paktika verschleppt worden, sagte der ranghohe Taliban-Kommandeur Mullah Sangin Reuters. Die Geisel werde nur im Austausch gegen von den USA gefangen gehaltene Taliban-Kämpfer freikommen. Die US-Armee bestätigte die Angaben. Der Soldat werde seit Dienstag vermisst. Die Armee setze alles daran, um den entführten Soldaten zu finden und ihn in Sicherheit zu bringen, teilte die US-Armee in Washington mit.

Als Teil der Offensive drangen rund 4000 Marineinfanteristen nach US-Angaben vor Tagesanbruch in das untere Helmand-Tal in der gleichnamigen Provinz vor, das bislang fest in der Hand der Taliban war. Ziel der Operation "Chandschar" (Schwertstreich) ist es, die Islamisten zu überrennen und ihnen dauerhaft die Kontrolle über das Gebiet zu entreißen. Davon erhoffen sich die US-Kommandeure eine Wende im Afghanistan-Krieg noch vor der Präsidentenwahl am Hindukusch im August. Die Offensive ist der erste große Test für die neue Strategie der US-Regierung gegen die Taliban, für die die US-Truppen bis Jahresende massiv aufgestockt werden.

Schwärme von Hubschraubern setzten die Soldaten am frühen Morgen im ganzen Helmand-Tal ab, weitere Truppen wurden am Boden mit Konvois antransportiert. Tausende weitere Soldaten wurden mobilisiert, um die Offensive zu unterstützen - eine der größten seit dem Abzug der Sowjetunion aus Afghanistan 1989. Die unter britischer Führung stehenden Nato-Truppen in der Provinz kämpfen in der Region seit Jahren ohne dauerhaften Erfolg gegen die Taliban. Wo die Nato-Truppen nach schweren Kämpfen Gebiete einnahmen, mussten sie sich mangels Stärke schnell wieder zurückziehen und zusehen, wie die Taliban erneut vorrückten.