Neue Pannen im Reaktor Krümmel befeuern Atomstreit
Hamburg/Berlin (Reuters) - Nur zwei Wochen nach der Inbetriebnahme des lange abgeschalteten Reaktors Krümmel haben neue Störfälle das Atomkraftwerk lahmgelegt.
Nach einem Kurzschluss in einem Transformator, der bereits 2007 ein solches Gerät in Flammen aufgehen ließ, schaltete der Reaktor am Samstag zwar automatisch ab. Dabei fiel aber unter anderem auch ein Kühlsystem für Stunden aus. Im benachbarten Hamburg führten die Pannen zu einem Massen-Ausfall von Ampeln, auch die Industrie traf der Spannungsabfall. Zudem wurde die Atomaufsicht in Schleswig-Holstein vorschriftswidrig vom Betreiber Vattenfall nicht direkt informiert. Vattenfall selbst nannte das Vorgehen inakzeptabel, entschuldigte sich und kündigte Konsequenzen an.
Wenige Monate vor der Bundestagswahl löste der Vorfall bei der SPD erneut Warnungen vor der umstrittenen Technologie aus: Umweltminister Sigmar Gabriel sagte, eine Laufzeitverlängerung für alte Kraftwerke, wie von Kanzlerin Angela Merkel und der Union verlangt, sei nicht zu verantworten. Das weitere Verfahren in Krümmel zog Gabriel an sich.
Vattenfall erklärte, der Grund für die Pannen habe erneut in einem Kurzschluss in einem der Transformatoren gelegen, der bereits 2007 zur Abschaltung von Krümmel und kurz darauf auch des Nachbarkraftwerks Brunsbüttel an der Elbe geführt hatte. Auch damals war die Informationspolitik von Vattenfall massiv kritisiert worden, was letztlich auch zur Ablösung des Vattenfall-Europe-Chefs Klaus Rauscher führte. Der Konzern hatte daraufhin Besserung gelobt.
Der Chef der Atomsparte in Deutschland, Ernst Michael Züfle, entschuldigte sich am Sonntag: "Wir werden aus dem gestrigen Ablauf klare Konsequenzen ziehen. So etwas darf nicht wieder vorkommen." Der Konzern räumte zudem ein, im Zuge der Abschaltung des Reaktors habe es weitere Pannen gegeben. So sei für vier Stunden die Kühlung des Reaktorwasser-Reinigungssystems ausgefallen und ein defektes Brennelement entdeckt worden.
ZWEITER ZWISCHENFALL NACH JAHRLANGER REVISION
Beim zweiten Zwischenfall innerhalb weniger Tage nach Wiederaufnahme des Betriebs schaltete sich der Meiler um 12.02 Uhr am Samstag selber ab. Der Störfall führte unter anderem zum Ausfall eines Großteils der Straßenampeln in Hamburg. Vattenfall zufolge waren 1500 der 1800 Anlagen im Stadtgebiet betroffen. Von dem Spannungseinbruch betroffen waren auch mehrere Einkaufszentren sowie Stahl- und Aluminiumwerke.
Das als Aufsichtsbehörde zuständige Kieler Sozialministerium sprach von einem gravierenden Vorfall und kritisierte die Informationspolitik des Betreibers. "Die Alterung der Transformatoren in Krümmel stellt sich immer deutlicher als Problem heraus", sagte Sozialministerin Gitta Trauernicht (SPD). Für sie heiße das in letzter Konsequenz: "Erneuern statt reparieren". Zudem sei es unverständlich, warum die Schnellabschaltung nicht innerhalb von 40 Minuten auf dem vorgeschriebenen Weg als Erstinformation an die Atomaufsicht und das Lagezentrum gemeldet wurde.
Umweltminister Gabriel sagte, in Absprache mit Trauernicht könne der Reaktor nun nur mit Zustimmung der Bundesaufsicht wieder ans Netz gehen. Längere Laufzeiten für alte Atomreaktoren seien unverantwortlich: "Ich fordere Bundeskanzlerin Angela Merkel und Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg im Interesse der Sicherheit der Bürger auf, ihren Kurs aufzugeben."
Krümmel ist 1984 in Betrieb gegangen und eines der neueren Atomkraftwerke in Deutschland. Nach der Vereinbarung zum Atomausstieg muss die Anlage um das Jahr 2018 vom Netz. Der letzte Reaktor in Deutschland muss demnach um das Jahr 2021 abgeschaltet werden.
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