Daimler bringt Belegschaft mit Umzugsplänen in Rage

Mittwoch, 2. Dezember 2009, 15:48 Uhr
 

Stuttgart (Reuters) - Der Autobauer Daimler treibt die Belegschaft mit der geplanten Verlagerung von Teilen der Pkw-Produktion in die USA auf die Barrikaden.

Während sich das Management durch den Abzug der wichtigen C-Klasse-Produktion aus Sindelfingen kräftige Einsparungen verspricht, fürchten die Mitarbeiter im größten Daimler-Pkw-Werk um den Erhalt von rund 3000 Stellen. Nach tagelangen Protesten legte die Belegschaft am Mittwoch die Arbeit abermals nieder und will in den kommenden Wochen den Bau des Kassenschlagers Mercedes-Benz E-Klasse drosseln, der Daimler aus der Absatzkrise helfen soll. Betriebsrat und Gewerkschaften kritisierten die Standortplanungen als "krasse Fehlentscheidung".

Dagegen verteidigte Daimler-Personalchef Wilfried Porth den Entschluss des Managements: "Aus strategischer und wirtschaftlicher Sicht ist die Verlagerung der Produktion der neuen Generation der C-Klasse von Sindelfingen nach Bremen und in die USA unabdingbar." Daimler mindere damit den Einfluss des schwachen Dollar und profitiere von geringeren Kosten bei Personal, Einfuhrzoll und Auslieferung, ergänzte Mercedes-Produktionschef Rainer Schmückle. Mit dem Ausbau des US-Werks in Tuscaloosa um bis zu 1200 auf 4000 Stellen könne Daimler ab 2014 die Schwellenländer und Nordamerika günstiger mit der C-Klasse bedienen: Ersparnis pro Fahrzeug 2000 Euro. In den USA kostet die C-Klasse mindestens 33.600 Dollar. Die Baureihe ist weltweit das meistverkaufte Pkw-Modell mit dem Stern. Gebaut wird das Mittelklasse-Fahrzeug außer in Sindelfingen noch in Bremen, Südafrika und in China.

UMZUG DER SL-MONTAGE BERUHIGT BELEGSCHAFT NICHT

Um Arbeitsplätze in Sindelfingen zu sichern, will Daimler die Montage des Luxus-Roadster SL aus dem Werk Bremen abziehen. Rohbau und Lackierung bleiben allerdings an der Weser. "Deutschland und Sindelfingen bilden weiterhin das Herz unseres Produktionsverbundes", versicherte Personalchef Porth. Wegen der in fünf Jahren geplanten Neuorganisation der Produktion werde es in Sindelfingen keinen Stellenabbau geben. Dort sind rund 36.000 Mitarbeiter tätig, weltweit zählt Daimler 257.000 Beschäftigte.

Nach den bislang erfolglosen Protesten will die Arbeitnehmervertretung Daimler nun an einer empfindlichen Stelle treffen: Sonderschichten am Samstag zur Produktion der neuen E-Klasse, die ebenfalls in Sindelfingen vom Band rollt, sollen bis auf weiteres gestrichen werden. Auch mit Betriebsversammlungen soll die Produktion in dieser und in der kommenden Woche vorübergehend lahmgelegt werden. "Wir werden gegen den Abzug der C-Klasse mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln vorgehen", sagte der zweite Bevollmächtigte der IG Metall Stuttgart, Uwe Meinhardt, Reuters. Daimler müsse vertraglich den Ausschluss betriebsbedingter Kündigungen zusichern. Bislang läuft der Kündigungsschutz bis Ende 2011.

Den ab 2014 absehbaren Personalüberhang in Sindelfingen will Daimler mit neuen Fahrzeugprojekten, alternativen Antrieben und einem steigenden Absatz abwenden. Die Planungen des Autobauers sehen ab dem Jahr 2015 einen jährlichen Absatz von rund 1,5 Millionen Pkw vor: Das wären gut 50 Prozent mehr als in diesem Jahr, in dem der Stuttgarter Konzern mit der Absatzkrise kämpft und noch immer zehntausende Beschäftigte kürzer arbeiten lässt.

Im Gegensatz zur Belegschaft findet Daimler mit der jüngsten Standortentscheidung bei Branchenexperten Anklang: "Das ist die richtige Entscheidung", sagte ein Daimler-Analyst. Ein Fünftel der C-Klasse werde derzeit schon in den USA verkauft. Da viele Beschäftigte Daimler bis 2014 freiwillig oder aus Altersgründen verließen, könne der Autobauer die "wenigen tausend überflüssig werdenden Stellen" voraussichtlich mit Abfindungen abbauen.

Scharfe Kritik kam hingegen von Teilen der Privatanleger. Die geplante Fahrzeugmontage in den USA führe durch "Billigproduktion" zu "Qualitätsminderung" und einem weiteren Verlust der Konkurrenzfähigkeit, urteilte die Aktionärsvereinigung Kritische Daimler Aktionäre. Auch Konkurrent BMW baut Pkw in den USA, Audi strebt dort wegen des Dollar-Verfalls eine eigene Produktion an.

 
<p>An employee of German luxury carmaker Mercedes is pictured next to a traffic sign during a protest rally of Germany's metal and engineering union IG Metall at the Mercedes car factory in Sindelfingen near Stuttgart December 1, 2009. REUTERS/Michaela Rehle (GERMANY - Tags: EMPLOYMENT BUSINESS CIVIL UNREST TRANSPORT)</p>