EZB kommt als Bonitätsprüferin für Länder ins Spiel

Mittwoch, 3. März 2010, 16:59 Uhr
 

Berlin (Reuters) - Mitten in der Schuldenkrise Griechenlands kommt eine Diskussion um ein Länderrating unter dem Dach der Europäischen Zentralbank (EZB) in Gang.

Einem Bericht des "Handelsblatts" vom Mittwoch zufolge wollen die Regierungen der Euro-Zone die Dominanz der internationalen Ratingagenturen brechen und eine europäische Alternative schaffen. Eine eigene Abteilung innerhalb der EZB solle künftig die Bonität der Euro-Staaten prüfen, berichtete die Zeitung unter Berufung auf Kreise der Euro-Finanzminister: "Die Agenturen haben sich im Fall Lehman total geirrt. Wer sagt uns, dass sie es nicht wieder tun?" Die EU-Kommission und die EZB lehnten eine Stellungnahme ab. Ein Sprecher des deutschen Finanzministeriums sagte, ihm sei vom Wunsch der EU-Finanzminister für eine eigene Rating-Abteilung in der EZB nichts bekannt.

Auch innerhalb der EZB wurde zuletzt die Macht der Ratingagenturen Moody's, Standard & Poor's und Fitch kritisiert. Der Unmut in der Zentralbank sei groß, dass das Schicksal Griechenlands mittlerweile in der Hand einer einzigen Ratingagentur - nämlich Moody's - liege, zitierte die Zeitung Notenbankkreise. Hintergrund dafür sind die Regeln, die für EZB-Kredite gelten: Um an Geld der Zentralbank zu gelangen, können Banken in normalen Zeiten nur solche Staatsanleihen als Sicherheit hinterlegen, die von mindestens einer Ratingagentur eine "A-Note" erhalten haben. Bis Ende des Jahres gilt aber noch eine Ausnahmeregeln, wonach auch Wertpapiere mit der Note "BBB-" angenommen werden.

Derzeit benotet Moody's die Kreditwürdigkeit Griechenlands mit "A2", zwei Stufen über einer B-Note, während S&P und Fitch bereits bei BBB angekommen sind. Sollte Moody's also die Bewertung Griechenlands um zwei Schritte herabstufen, könnten Kreditinstitute griechische Bonds nicht mehr als Sicherheit zur Verfügung stellen. Das dürfte die Anleihen für viele Banken weniger attraktiv erscheinen lassen. Die angloamerikanischen Unternehmen waren zu Beginn der Finanzkrise in die Kritik geraten, weil sie die Sicherheit von verbrieften US-Immobilienkrediten falsch eingestuft hatten. Ihr Einfluss ist groß, weil von ihrem Urteil unter anderem die Zinssätze abhängen, die der Markt von Ländern verlangt: Je schlechter die Note, desto höhere Aufschläge werden für Staatsanleihen fällig.

EZB-RATSMITGLIED BEFÜRWORTET EIGENES BEWERTUNGSSYSTEM

Österreichs Zentralbankchef Ewald Nowotny befürwortet nun angesichts der großen Einflussmöglichkeiten der Agenturen ein eigenes Bewertungssystem der EZB. "Das Schicksal Griechenlands, und wenn man es etwas dramatischer sehen will, das Schicksal Europas, hängt an der Urteilskraft einer einzigen Ratingagentur", sagte er am Dienstag. "Das ist keine akzeptable Situation." Besser sei es, das Urteil den Notenbank-Experten zu überlassen. "Eine Zentralbank kann die wirtschaftlichen Entwicklungen in einem Land besser beurteilen als drei Menschen in einem Büro in New York."

Bereits jetzt existiert ein internes Ratingsystem innerhalb der EZB. Diese Bonitätsnoten werden allerdings nicht veröffentlicht und meist nur dann von den nationalen Zentralbanken erstellt, wenn es keine externen Bewertungen gibt - wie etwa bei nicht gehandelten Papieren wie Kreditpaketen. Allerdings dürfte die Einführung eines EZB-Länderratings die Diskussion um die Unabhängigkeit der Zentralbank wieder hochkochen lassen. Grund ist, dass die Notenbank dann die Papiere, die sie selbst bewertet hat, als Sicherheit akzeptieren würde. Damit setze sie sich den Verdacht aus, nicht objektiv zu sein, sagte BHF-Chefvolkswirt Uwe Angenendt. "Ich denke, Unabhängigkeit sollte in beide Richtungen gelten - die EZB würde auch nicht akzeptieren, dass die Regierungen ihre Geldpolitik bewerten", sagte Nomura-Analyst Laurent Bilke.

Zielführender sei es daher, eine unabhängige Stelle zu schaffen, die Ratings vergebe, sagte Norbert Braems, Chefvolkswirt des Bankhauses Sal. Oppenheim. "Um Interessenkonflikte auszuschließen, könnte ich mir bei der Finanzierung einer solchen Ratingagentur für Europa eine Art Stiftungsmodell vorstellen." Dabei stellt sich nach Einschätzung von Fachleuten aber die Frage, ob die Qualität dieser Ratings auch den Anforderungen der Investoren genügen würde. "Ich könnte mir eine staatliche Ratingagentur vorstellen, aber dann kommt die Frage: Kann der Staat das besser einschätzen", sagte Andreas Ittner, Direktoriumsmitglied bei der Oesterreichischen Nationalbank. "Meiner Erfahrung nach ist das nicht der Fall."