EZB lässt Banken überraschend lang am Liquiditätstropf

Donnerstag, 4. März 2010, 19:08 Uhr
 

Frankfurt (Reuters) - Die Banken der Euro-Zone können sich noch mindestens bis zum Herbst auf eine großzügige Geldversorgung der Europäischen Zentralbank (EZB) verlassen.

Die Notenbanker werden zwar bereits kommende Wochen damit beginnen, längerfristig an das Bankensystem ausgereichte Liquidität wieder zu verteuern. Sie lassen die Kreditinstitute beim wöchentlichen Geschäft zur Refinanzierung aber auf jeden Fall noch bis Mitte Oktober an der langen Leine. Ob bei der Entscheidung die zuletzt holprige Konjunkturerholung und die Schuldenkrise in Griechenland eine Rolle spielten, ist unklar. Die Notenbanker beließen zugleich den Leitzins, in normalen Zeiten ihre schärfste Waffe, bei einem Prozent und damit auf Rekordtief.

Die EZB werde zwar den Geldfluss schrittweise drosseln, um nach der schweren Finanzkrise neue Verzerrungen an den Märkten zu vermeiden, sagte Zentralbank-Präsident Jean-Claude Trichet am Donnerstag im Anschluss an eine reguläre Sitzung des EZB-Rats in Frankfurt. Den Haupthahn der Geldversorgung - das wöchentliche Hauptrefinanzierungsgeschäft - dreht die EZB jedoch auf jeden Fall bis zum 12. Oktober voll auf, da sich die Banken bis dahin weiter zum Festzins unbegrenzt Geld bei der Zentralbank besorgen können.

"Wir können es uns nicht leisten, wieder in einen Zustand finanzieller Instabilität zurückzufallen, wie wir ihn in den letzten zwei bis zweieinhalb Jahren erlebt haben", begründete Trichet die vorsichtige Haltung der Währungshüter.

SICHERHEITSNETZ FÜR ZAHLTAG ANFANG JULI

Die EZB will mit dem Festhalten an der Vollzuteilung beim Wochentender verhindern, dass es Anfang Juli und Ende September kräftig im Finanzsystem knirscht. Dann müssen die Institute zweimal ganz tief in die Tasche greifen und insgesamt mehr als eine halbe Billion Euro an die Zentralbank überweisen. Für den ersten Termin - die Rückzahlung des 442 Milliarden Euro schweren ersten Jahrestenders am 1. Juli - stellt die EZB den Banken ein engmaschiges Sicherheitsnetz zur Verfügung. Wie Trichet sagte, soll den Banken an diesem Zahltag ein über eine Woche laufendes "Sonderrefinanzierungsgeschäft" angeboten werden - eine Art Liquiditätsbrücke also.

Damit nicht genug: Damit die Banken nicht nur einmal pro Woche zur Tränke der EZB gehen können, werde der erst während der Krise eingeführte so genannte Monatstender weitergeführt, sagte Trichet. Er läuft über die rund einen Monat dauernde Mindestreserveperiode, also den Zeitraum in dem die Banken im Schnitt ihrer Verpflichtung, bei der EZB eine Mindestreserve zu hinterlegen, nachkommen müssen. Auf die Bremse tritt die EZB dagegen bei den länger laufenden Refinanzierungsgeschäften mit den Banken. So will sie ab Ende April bei den drei Monate laufenden Tenderoperationen zum vor der Krise üblichen Auktionsverfahren zurückkehren. Dabei müssen die Banken Gebote abgeben, wenn sie sich bei der EZB mit Zentralbankgeld eindecken wollen.

ZINSERHÖHUNGEN NACH WIE VOR IN WEITER FERNE

Auch das letzte Sechs-Monats-Geschäft Ende März steht nach den Worten Trichets schon ganz im Zeichen des Ausstiegs aus der Politik des billigen Geldes. Es solle - ebenso wie bereits der letzte Jahrestender im Dezember - an die künftige Entwicklung des Leitzinses gekoppelt werden. Experten gehen nicht davon aus, dass die EZB vor dem vierten Quartal am Schlüsselzins für die Geldversorgung der Banken drehen wird. Viele Ökonomen glauben mittlerweile sogar bereits, dass die erste Zinserhöhung nach der schwersten Finanzkrise seit Jahrzehnten wegen der Schuldenkrise Griechenlands sogar erst 2011 kommen wird. Trichet nannte das gegenwärtige Zinsniveau am Donnerstag zum wiederholten Male "angemessen". Die EZB wolle derzeit "kein Signal bei den Zinsen" geben.

Trichet bekräftigte die Einschätzung des EZB-Rats, dass sich die Wirtschaft der Euro-Zone zwar Schritt für Schritt nach der schwersten Rezession seit Generationen erholt. "Die Erholung setzt sich fort. Aber sie bleibt holprig". Dies sehen auch die Volkswirte der Notenbank so. Sie erhöhten ihre alle drei Monate publizierten Wachstumsprognosen für dieses und das kommende Jahr leicht. Die Teuerung soll in diesem Zeitraum weiterhin deutlich unter der EZB-Zielmarke von knapp unter zwei Prozent bleiben.

 
<p>Jean-Claude Trichet, President of the European Central Bank (ECB) addresses the media during his monthly news conference at the ECB headquarters in Frankfurt, February 4, 2010. REUTERS/Ralph Orlowski</p>