Hitzewelle macht auch der Wirtschaft zu schaffen
Berlin (Reuters) - Die Hitzewelle bringt auch die deutsche Wirtschaft ins Schwitzen.
Kohle- und Kernkraftwerken droht in den nächsten Tagen die Abschaltung, sollte sich das zur Kühlung benötigte Flusswasser auf mehr als 28 Grad erwärmen. Diese Schwelle könnte an Rhein und Neckar schon am Wochenende erreicht werden, sagte Baden-Württembergs Umweltministerin Tanja Gönner (CDU) am Dienstag. Mit ernsten Störungen bei der Stromversorgung ist aber nicht zu rechnen. In der Landwirtschaft drohen erhebliche Ernteausfälle, der Weizenpreis ist deshalb bereits gestiegen. Industriebetriebe wie Bosch gewähren Mitarbeitern wegen der Hitze längere Pausen.
Das Atomkraftwerk Brokdorf in Schleswig-Holstein musste seine Leistung wegen der erhöhten Flusstemperatur am Montag für drei Stunden um 50 Megawatt oder rund vier Prozent drosseln, bestätigten Betreiber E.ON und das zuständige Justizministerium in Kiel. "Der Betrieb läuft inzwischen wieder normal", sagte ein Ministeriumssprecher. In Baden-Würrtemberg könnten in den kommenden Tagen die Kraftwerke sogar zeitweise vom Netz genommen werden. "Die Lage ist angespannt, aber noch nicht dramatisch", sagte Gönner. "Die Situation könnte sich aber schon in den nächsten Tagen weiter zuspitzen." Ein Zusammenbruch des Stromversorgung drohe aber nicht, sagte Gönner. Im Ernstfall könne "schnell eine sachgerechte Abwägung zwischen ökologischen Belangen und sicherer Energieversorgung getroffen werden".
Die Energieversorger müssen ab einer Wassertemperatur von 28 Grad ihre Kohle- und Kernkraftwerke vom Netz nehmen. Sie entnehmen den Flüssen Kühlwasser und leiten es aufgeheizt wieder zurück. Dadurch droht sich die Temperatur noch weiter zu erhöhen, was zu einem Fischsterben wegen Sauerstoffmangel führen könnte.
"KEINE GRUNDLAGE FÜR EINE GUTE ERNTE"
Beim Versorger EnBW aus Baden-Württemberg laufen die Atom- und Kohlekraftwerke bislang normal, sagte ein Sprecher. EnBW erwarte "keine dramatischen Veränderungen" der Flusstemperaturen, könne einen Anstieg aber nicht ausschließen. Die vier an Rhein und Neckar gelegenen Atomkraftwerke sowie einige Kohlekraftwerke könnten mittels ihrer Kühltürme die Kühlung komplett auf Kreislaufbetrieb umstellen und somit die Einleitung von warmen Wasser in die Flüsse verhindern. Auch bei Wassertemperaturen über 28 Grad könne zur Sicherung der Stromversorgung für die meisten Kraftwerke der Weiterbetrieb beantragt werden.
Ein Sprecher von RWE Power sagte, es gebe bislang keine Einschränkungen im Kraftwerksbetrieb wegen der Hitze. Die Braunkohlekraftwerke würden das Kühlwasser nicht aus den Flüssen entnehmen, sondern aus dem Tagebau. Das Atomkraftwerk Biblis werde zwar mit Wasser aus dem Rhein gekühlt. Dessen Temperatur liege derzeit aber bei 25,5 bis 26 Grad Celsius. E.ON Energie sprach von "geringen Einschränkungen bei wenigen Anlagen".
Folgen hat die Hitze auch für die Landwirte. Die Getreideernte werde in diesem Jahr mit etwa 45 Millionen Tonnen um zehn bis 20 Prozent geringer ausfallen als üblich, sagte ein Sprecher des Deutschen Bauernverbandes Reuters. Bei Mais sehe es ähnlich aus. "Die Wetterextreme sind sehr stark in diesem Jahr: Jetzt die Hitze und der fehlende Niederschlag, davor der lange Winter und ein kalter, verregneter Mai", sagte der Sprecher. "Das alles ist keine Grundlage für eine gute Ernte." Weil auch in anderen europäischen Ländern mit Ernteausfällen gerechnet wird, ist der Weizenpreis an der Börse seit Anfang Juni um rund 16 Prozent auf aktuell rund 160 Euro je Tonne gestiegen.
"WIR SEHEN DAS POSITIV"
Aus der Industrie wurden bislang keine größeren Produktionsstörungen bekannt. Einige Betrieben gönnen ihren Mitarbeitern längere Pausen. "In den meisten Standorten mit überwiegend nicht klimatisierten Räumen gilt: Die Mitarbeiter erhalten eine zusätzliche bezahlte Kurzpause von zehn Minuten", sagte ein Sprecher des weltgrößten Autozulieferers Bosch. "In diesen und einigen weiteren Standorten gilt die Regelung, dass je eine Flasche Wasser und Fruchtlimonade kostenlos bereitgestellt werden." Ähnlich wird es beim Autobauer Daimler gehalten.
Vielen Einzelhändlern verschafft die Hitzewelle eine Sonderkonjunktur. In einigen Supermärkten der Metro-Tochter Real werden nach Aussagen eines Sprechers bereits Ventilatoren und tragbare Klimaanlagen knapp. "Die Geräte können teilweise gar nicht so schnell herangeschafft werden, wie sie verkauft werden", sagte er. Auch die Nachfrage nach Eis, Limonade und Milchgetränken habe deutlich zugelegt. Allerdings profitieren nicht alle Einzelhändler. "Die Hitze hält den einen oder anderen davon ab, einen Schaufensterbummel zu machen", sagte Kai Falk vom Einzelhandelsverband HDE. "Die Kundenfrequenz gerade in den Innenstädten ist geringer geworden." Unter dem Strich profitiere der Handel aber von dem heißen Sommer. "Wir sehen das positiv", sagte der HDE-Sprecher.
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