Deutsche Wirtschaft boomt - 3 Prozent Wachstum in Sicht

Freitag, 13. August 2010, 15:41 Uhr
 

Berlin (Reuters) - Die deutsche Wirtschaft kommt mit Riesenschritten aus der Krise und zieht Europa mit.

Nach dem stärksten Plus seit rund zwei Jahrzehnten im Frühjahr erwarten viele Experten wieder ein boomendes Wachstum von drei Prozent oder mehr im Gesamtjahr 2010. Im zweiten Quartal trieben kräftige Exporte und anziehende Investitionen das Bruttoinlandsprodukt um 2,2 Prozent überraschend deutlich voran. Ein solches Plus hat es seit Einführung der gesamtdeutschen Statistik 1991 noch nicht gegeben, wie das Statistische Bundesamt am Freitag erklärte.

Deutschland hat damit zugleich der Euro-Zone zum kräftigsten Wachstum seit mehr als drei Jahren verholfen. Die anderen Schwergewichte Frankreich, Italien und Spanien legten weit weniger zu.

Das gute Quartalsergebnis in Deutschland überraschte auch die größte Optimisten. Keiner der 34 von Reuters befragten Experten hatte das Ergebnis vorhergesagt, im Mittel hatten sie nur ein Plus von 1,3 Prozent zum Winter erwartet. Binnen Jahresfrist verbesserte sich die Wirtschaftsleistung sogar um 4,1 Prozent. Deshalb erhöhen nun fast alle Konjunkturbeobachter ihre Schätzung für das Gesamtjahr. "Die Drei vor dem Komma ist dieses Jahr zum Greifen nahe", sagte der Konjunktur-Chef des Münchner Ifo-Instituts, Kai Carstensen, im Reuters-Interview. Auch das Essener RWI und das gewerkschaftsnahe IMK halten drei Prozent für möglich. Die Commerzbank sagt sogar 3,25 Prozent voraus, die Unicredit 3,5 Prozent. Ähnlich stark war die deutsche Wirtschaft zuletzt 2006 mit 3,4 Prozent gewachsen.

"WIR ERLEBEN EINEN AUFSCHWUNG XL"

Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle hält nach dem starken ersten Halbjahr ein Wachstum "von weit über zwei Prozent für 2010" für möglich. Bislang ging die Regierung offiziell von plus 1,4 Prozent aus. "Wir erleben derzeit einen Aufschwung XL", sagte der FDP-Politiker. Die robuste Konjunktur sei zudem eine klare Ermutigung, den Ausstieg aus den staatlichen Krisenhilfe fortzusetzen und den Staatshaushalt zu sanieren.

"Der zum Jahreswechsel 2009/2010 ins Stocken geratene Aufschwung der deutschen Wirtschaft hat sich damit eindrucksvoll zurückgemeldet", schrieben die Statistiker. "Die Dynamik der Investitionen und des Außenhandels hatten dabei den größten Anteil." Für Impulse sorgten demnach aber auch die privaten und staatlichen Konsumausgaben. Die exportabhängige Industrie profitierte vom Aufschwung in China und anderen Schwellenländern. Der Hamburger Hafenlogistikonzern HHLA etwa spürte eine kräftige Erholung des Containerverkehrs. "Der Umschlag unserer Containerterminals legte im Vorjahresvergleich um knapp 18 Prozent zu, unsere Containertransporte sogar um 20 Prozent", sagte HHLA-Chef Klaus-Dieter Peters zu Reuters.

DEUTSCHLAND ALS ZUGMASCHINE IN EUROPA

Andere nicht so stark vom Export abhängige Länder der Euro-Zone konnten mit der Wachstumslok Deutschland nicht mithalten. In Frankreich zog die Wirtschaft um 0,6 Prozent an, in Italien um 0,4 Prozent und Spaniens Wirtschaft schaffte gerade einmal plus 0,2 Prozent. In Griechenland verschärfte sich die Rezession sogar: Hier brach das Bruttoinlandsprodukt um 1,5 Prozent ein. Das BIP aller 16-Euroländer stieg insgesamt von April bis Juni um ein Prozent und damit stärker als erwartet.

Die positive Entwicklung macht Mut: Der größte deutsche Stahlkonzern ThyssenKrupp erhöhte nach einem guten Quartal seine Gewinnziele für das Geschäftsjahr. Der Aufschwung der Weltwirtschaft werde sich 2010 fortsetzen, allerdings langsamer als bisher. Auch Ifo-Experte Carstensen geht davon aus, dass der Rückenwind der globalen Nachfrage für den Vize-Exportweltmeister Deutschland nachlässt. Der Wirtschaftsweise Christoph Schmidt warnt vor Euphorie. "Erneute Rückschläge sind nicht auszuschließen", sagte der Chef des Essener RWI-Instituts Reuters. So drohe eine Staatsschuldenkrise, weil die Belastung vieler Länder wegen der Konjunkturpakete und Hilfen für die Finanzbranche explodiert sei.

Für 2011 rechnen die meisten Experten mit einem Wachstum von etwa 1,5 Prozent, weil die Weltwirtschaft mit dem Auslaufen der Staatshilfen an Schwung verlieren dürfte. Im Krisenjahr 2009 war das Bruttoinlandsprodukt mit 4,7 (bislang: 4,9) Prozent so stark eingebrochen wie noch nie seit Gründung der Bundesrepublik.