Wulff ruft zu stärkerem Zusammenhalt auf

Sonntag, 3. Oktober 2010, 15:37 Uhr
 

Bremen (Reuters) - Bundespräsident Christian Wulff hat die Deutschen zu mehr Zusammenhalt und Respekt gegenüber Fremden aufgerufen.

"Wir sind ein Volk. Dieser Ruf der Einheit muss heute eine Einladung sein an alle, die bei uns leben", sagte er am Sonntag beim zentralen Festakt zum 20. Jahrestag der deutschen Einheit in Bremen. "Legendenbildungen, Zementierung von Vorurteilen und Ausgrenzungen dürfen wir nicht zulassen. Das ist in unserem eigenen nationalen Interesse." Zugleich machte Wulff deutlich, dass Deutschland auch von Einwanderern die Einhaltung der Werte der Verfassung verlange. Bundeskanzlerin Angela Merkel würdigte die Gemeinschaftsleistung der Menschen in Ost- und Westdeutschland. Die befürchteten Krawalle am Rande der die Einheitsfeiern blieben aus.

Wulff betonte, Zugehörigkeit dürfe nicht auf einen Pass, eine Familiengeschichte oder einen Glauben verengt werden. Das Christentum und das Judentum gehörten zweifelsfrei zu Deutschland. "Aber der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland", fügte der Bundespräsident hinzu. Zugleich machte er einen Nachholbedarf bei der Integration in Deutschland aus. Als Beispiele nannte er Integrations- und Sprachkurse für Familien und Unterrichtsangebote in Muttersprachen.

Der Bundespräsident nahm in seiner mit Spannung erwarteten Rede für eine erfolgreiche Integration aber auch die Zuwanderer in die Pflicht. Zu Hause zu sein in Deutschland bedeute, die Verfassung zu achten und sich an die Regeln zu halten. "Wer das nicht tut, wer unser Land und seine Werte verachtet, muss mit entschlossener Gegenwehr aller in unserem Land rechnen." Die Gesellschaft verschließe zudem nicht die Augen vor denjenigen, die den Gemeinsinn missbräuchten. Der Sozialstaat sei "kein Selbstbedienungsladen" und beruhe auf Gegenleistungen.

Angesichts der sich verändernden Lebensumstände gehe es 20 Jahre nach der Einheit darum, "Freiheit zu bewahren, die Einheit immer wieder zu suchen". Dazu gehöre es aber, niemanden auszugrenzen und gerade auch die älteren Menschen einzubeziehen, mahnte Wulff. "Neuer Zusammenhalt in der Gesellschaft ist nur möglich, wenn sich kein Stärkerer entzieht und kein Schwächerer ausgegrenzt wird."

Für Wulff, der fast 100 Tage im Amt ist, war die Ansprache die bislang wichtigste Rede seiner Amtszeit. Nach seiner Wahl hatte er die Integration als besonderes Anliegen bezeichnet, sich in der durch die umstrittenen Thesen des Ex-Bundesbankers Thilo Sarrazin ausgelöste Debatte aber weitgehend zurückgehalten.

Am Vortag hatte bereits der frühere DDR-Bürgerrechtler und Bundespräsidentschaftskandidat, Joachim Gauck, als Festredner im Berliner Abgeordnetenhaus mehr Anstrengungen von Deutschen und Zugewanderten zur Integration gefordert. Der Staat müsse auch an Eingewanderte und Benachteiligte Erwartungen richten. "Es schwächt die Schwachen, wenn wir nichts mehr von ihnen erwarten", sagte Gauck.

WULFF UND MERKEL WÜRDIGEN EINSATZ DER BÜRGER FÜR EINHEIT

Wulff sprach sich für eine stärkere Anerkennung der Lebensleistung der Ostdeutschen aus. Sie seien es gewesen, die vor 20 Jahren den allergrößten Teil des Umbruchs geschultert hätten und ihr Leben gewissermaßen von Neuem beginnen mussten. "Sie haben es getan mit einer unglaublichen Bereitschaft zur Veränderung." Dies sei bis heute nicht ausreichend gewürdigt worden. 20 Jahre später stehe Deutschland angesichts des rasanten gesellschaftlichen Wandels vor der Aufgabe, mit dem Mut zur Veränderung neuen Zusammenhalt zu finden.

Merkel betonte in ihrer wöchentlichen Video-Botschaft, die Ostdeutschen hätten den Mut gehabt, für ihre Freiheit zu kämpfen. Gleichzeitig habe es eine riesige Welle der Solidarität der Bürger in der alten Bundesrepublik gegeben. Nur durch diese Gemeinschaftsleistung sei es gelungen, den Aufbau der neuen Länder schnell voranzubringen und Deutschland als ein Land zu gestalten, das in der Welt heute geachtet werde.

Die befürchteten Krawalle, zu denen Linksradikale im Internet aufgerufen hatten, blieben aus. Eine Demonstration von knapp 2000 Linksextremen am Samstag endete nach Polizeiangaben weitgehend friedlich.

 
<p>German President Christian Wulff makes an official speech during celebrations marking the country's 20th anniversary of reunification, at the Arena in Bremen October 3, 2010. REUTERS/Christian Charisius</p>