Binnenkonjunktur mausert sich zum Wachstumsmotor

Dienstag, 23. November 2010, 13:55 Uhr
 

Berlin (Reuters) - Der deutsche Aufschwung steht dank steigender Konsumausgaben auf immer stabileren Füßen.

Die Binnenkonjunktur sorgt inzwischen für mehr als die Hälfte des Wachstums. "Es wird wieder investiert, die Beschäftigung nimmt dynamisch zu, die Einkommen steigen, und der private Konsum trägt zunehmend das Wachstum in Deutschland", sagte Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle am Dienstag. Das Bruttoinlandsprodukt stieg im dritten Quartal um 0,7 Prozent. "Dem großen Aufschwung-Sommer folgt ein goldener Konjunktur-Herbst", betonte der FDP-Politiker.

Im zweiten Quartal hatte es mit 2,3 Prozent noch das kräftigste Wachstum seit der Wiedervereinigung gegeben, begünstigt aber durch einige Sonderfaktoren wie einer ungewöhnlich kräftigen Frühjahrsbelebung am Bau.

EXPERTE: DEUTSCHLAND HILFT BEIM ABBAU DER UNGLEICHGEWICHTE

Positiv bewerten Experten neben den boomenden Exporten vor allem die anziehende Binnennachfrage. "Wir werden unabhängiger vom Auf und Ab der Weltkonjunktur", sagte Unicredit-Ökonom Andreas Rees. "Das ist auch ein sehr starkes politisches Signal, weil Deutschland damit einen Teil zum Abbau der weltweiten Ungleichgewichte leistet." Die privaten Konsumausgaben stiegen wegen der sinkenden Arbeitslosigkeit und der Aussicht auf spürbare Lohnerhöhungen um 0,4 Prozent. Das war bereits der dritte Zuwachs in Folge. Experten erwarten, dass das Geld der Verbraucher im kommenden Jahr noch lockerer sitzt. "Die Leute haben das Gefühl, dass der Arbeitsplatz sicherer ist", sagte Ulrike Kastens von Sal. Oppenheim. Die Zahl der Arbeitslosen dürfte 2001 so niedrig sein wie zuletzt 1992.

Der private Konsum steuerte zwischen Juli und September wie die florierenden Exporte mit 0,3 Prozentpunkten knapp die Hälfte zum Wachstum bei, teilte das Statistische Bundesamt mit. Die Ausfuhr von Waren und Dienstleistungen erhöhte sich um 2,3 Prozent, Importe zogen um 1,9 Prozent an. Auch die Investitionen der Unternehmen in Maschinen, Fahrzeuge und andere Ausrüstungen stützten die Konjunktur und legten um 3,7 Prozent zu, während die Bauausgaben um 0,4 Prozent schrumpften.

Verglichen mit dem Vorjahresquartal stieg das BIP um 3,9 Prozent. Die meisten Experten rechnen in diesem Jahr mit rund 3,5 Prozent Wachstum, das sich 2011 auf etwa zwei Prozent abschwächen dürfte. 2009 war das Bruttoinlandsprodukt wegen der weltweiten Krise mit 4,7 Prozent so stark eingebrochen wie nie seit Ende des Zweiten Weltkrieges.

Trotz des kräftigen Aufschwungs warnte Arbeitgeber-Präsident Dieter Hundt vor Euphorie. Die deutsche Wirtschaft komme aus einem sehr tiefen Tal und werde erst Ende nächsten Jahres wieder das Vorkrisenniveau erreichen, sagte der BDA-Chef zu Reuters. Ratschläge aus der Politik, nun höhere Lohnabschlüsse zu vereinbaren, kritisierte er als "nicht hilfreich".

DEUTSCHLAND LÄUFT DER EURO-ZONE DAVON

Deutschland bleibt die Wachstumslok der Euro-Zone, wie die Einkaufsmanager-Indizes vom Markit-Institut belegten. Sowohl die Geschäfte der Dienstleister als auch der Industrie legten im November zu - vor allem dank des Schwungs aus Deutschland. Wegen anziehender Neuaufträge und steigender Produktion schufen die Firmen wieder deutlich mehr Jobs. Die heimischen Dienstleister stellten so stark ein wie seit gut drei Jahren nicht, die Industrie fuhr ihre Beschäftigung sogar so kräftig hoch wie noch nie seit Beginn der Markit-Umfrage im April 1996. "Die Daten zeigen, dass der deutsche Arbeitsmarkt immer mehr an Stärke gewinnt", sagte Markit-Volkswirt Tim Moore.