Wikileaks: Saudi-Arabien für Militärschlag gegen Iran

Montag, 29. November 2010, 17:59 Uhr
 

Berlin (Reuters) - Die arabische Welt ist Veröffentlichungen der Enthüllungsseite Wikileaks zufolge über das iranische Atomprogramm offenbar viel besorgter als bislang bekannt. Wie aus den amerikanischen Depeschen hervorgeht, die seit Montag online sind, drängte der saudische König Abdullah die USA bereits mehrfach zu einem Angriff, um das Atomprogramm des islamischen Landes zu stoppen. Man müsse der Schlange den Kopf abschlagen, so lange es noch möglich sei, wurde der Monarch zitiert. Aus den Wikileaks-Akten soll auch hervorgehen, dass der Iran von Nordkorea hoch entwickelte Raketen geliefert bekam, die auch Westeuropa erreichen könnten. Israel sieht wegen der Enthüllungen in seinem Standpunkt bestätigt.

Die rund 250.000 Dokumente, über die vorab mehrere Blätter berichtet hatten, werfen ein Schlaglicht auf die US-Außenpolitik und bieten oft unschmeichelhafte Einschätzungen von Regierungschefs in aller Welt. Die US-Regierung hatte eindringlich vor einer Veröffentlichung gewarnt.

"Schlagt der Schlange den Kopf ab", soll der saudische König bei einem Treffen mit US-General David Petraeus im Jahr 2008 gesagt haben. Den Depeschen zufolge fürchten die saudischen Herrscher den wachsenden Einfluss des Irans in der Region und besonders im gemeinsamen Nachbarland Irak. In Saudi-Arabien ist eine besonders strenge Form des sunnitischen Islams Staatsreligion, während der Iran schiitisch geprägt ist.

Den Dokumenten zufolge sprach sich der saudiarabische Außenminister Saud al-Faisal dagegen für härtere Sanktionen gegen den Iran aus, etwa für Reiseverbote und Einschränkungen von Bankgeschäften. Zugleich habe er einen Militärschlag nicht ausschließen wollen. Ein Kronprinz aus dem Emirat Abu Dhabi soll den iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad mit Adolf Hitler verglichen haben.

US-Verteidigungsminister Robert Gates ist Wikileaks zufolge aber der Ansicht, dass ein Angriff auf den Iran die Entwicklung von Atomwaffen nur um ein bis drei Jahre verzögern würde, wie die "New York Times" berichtete. Die Staatengemeinschaft verdächtigt den Iran, unter dem Deckmantel der Energieerzeugung nach Atomwaffen zu streben, was die Regierung in Teheran bestreitet. Neue Gespräche zwischen den fünf UN-Vetomächten und Deutschland mit Iran sollen am Sonntag stattfinden.

Der wichtige Ölproduzent Saudi-Arabien soll den Enthüllungen zufolge dem energiehungrigen China Zugeständnisse angeboten haben, wenn sich die Volksrepublik für härtere Sanktionen gegen den Iran einsetzt. Saudi-Arabien sicherte demnach zu, dass Energielieferungen an China im Falle von Sanktionen nicht unterbrochen würden. China ist ein wichtiger Handelspartner des Irans und will den Energiesektor bei Sanktionen außen vor lassen.

Auch Frankreich äußerte sich Wikileaks zufolge tief besorgt über den Iran. So habe ein hochrangiger Berater von Präsident Nicolas Sarkozy im vergangenen Jahr von einem "faschistischen" Land gesprochen. Es sei an der Zeit, über weitere Schritte zu entscheiden. Ein Sprecher des Außenministeriums in Paris bestätigte dies nicht.

NETANJAHU SPRICHT VON HISTORISCHEM AUGENBLICK

Israel sieht sich in seiner kritischen Sicht auf den Iran bestätigt. Es gebe zum ersten Mal in der modernen Geschichte in Europa, Israel und der ganzen Region eine Übereinstimmung, dass die größte Bedrohung vom Iran komme, sagte Ministerpräsident Benjamin Netanjahu in einer Rede vor Chefredakteuren. Er hoffe, dass die arabischen Machthaber mutig genug seien, öffentlich auszusprechen, was sie insgeheim dächten.

Der iranische Präsident Ahmadinedschad erklärte in Teheran, die Beziehungen zu seinen Nachbarn würden mit den Veröffentlichungen nicht beschädigt. Er glaube, dass es sich nicht um eine Enthüllung, sondern eine geplante Veröffentlichung handele, um politische Ziele zu verfolgen.

Unter den Tausenden Dokumenten soll es einem Bericht zufolge auch einen Hinweis auf eine Krebserkrankung des geistlichen Oberhauptes des Irans geben. Wie "Le Monde" berichtete, leidet Ajatollah Ali Chamenei einer iranischen Quelle zufolge an Leukämie. Chamenei könne innerhalb weniger Monate sterben, soll ein ausländischer Geschäftsmann mit Kontakten in den Iran gesagt haben. Die diplomatische Mitteilung stamme aus dem August 2009. Chamenei hat als geistlicher Führer des Irans das letzte Wort auch bei politischen Entscheidungen.

 
<p>Die Wikileaks-Homepage auf einem Computer in Hoboken, New Jersey, am 28. November 2010. REUTERS/Gary Hershorn</p>