Anschlag auf Russlands größtem Flughafen - 35 Tote

Montag, 24. Januar 2011, 19:54 Uhr
 

Moskau (Reuters) - Ein Selbstmordattentäter hat auf dem größten russischen Flughafen Domodedowo in Moskau am Montag mindestens 35 Menschen in den Tod gerissen und mehr als 130 zum Teil schwer verletzt.

Die Tat geht nach Einschätzung von Experten auf das Konto islamischer Extremisten aus dem Nordkaukasus. Präsident Dmitri Medwedew kündigte an, die Drahtzieher des Anschlags würden gefasst und bestraft. Er verschob wegen des Attentats seine für Dienstag geplante Abreise zum Weltwirtschaftsforum in Davos, wo er die Eröffnungsrede halten sollte. Bundeskanzlerin Angela Merkel äußerte in einem Beileidsschreiben an Medwedew ihre Abscheu und Bestürzung.

Der Anschlag wurde nach Angaben der Flughafenleitung um 16.32 Uhr Ortszeit in der Ankunftshalle für Auslandsflüge verübt. "Die Explosion war ganz in meiner Nähe. Ich wurde zwar nicht getroffen, aber ich spürte die Erschütterungen", berichtete die Übersetzerin Jekaterina Alexandrowa, die in der vollen Halle auf einen Kunden aus dem Ausland wartete. Viele Verletzte hätten sich trotz Schockzustands aus eigener Kraft in Sicherheit gebracht.

Die Bombe habe eine Sprengkraft von mindestens sieben Kilogramm TNT gehabt, meldete die Nachrichtenagentur Interfax. 35 Verletzte schwebten in Lebensgefahr, zitierte Interfax das Zivilschutzministerium. Nach Angaben aus Sicherheitskreisen wurde nach mindestens drei Verdächtigen gefahndet. Dabei handle es sich vermutlich um Nordkaukasier, hieß es. Zunächst bekannte sich niemand zu dem Anschlag.

Russland kämpft seit mehr als zehn Jahren gegen islamische Separatisten aus dem Nordkaukasus. Ministerpräsident Wladimir Putin, der als starker Mann Russlands gilt, hatte 1999 in Tschetschenien eine Separatistenregierung mit Krieg überzogen und gestürzt. Seitdem hat die Rebellion aber auf die Nachbarrepubliken Inguschetien und Dagestan sowie auf russisches Kernland übergegriffen.

"Der Bombenanschlag von Domodedowo wird innerhalb der russischen Elite den Eindruck verstärken, dass Putin die Kontrolle über die Sicherheit in der Hauptstadt verloren hat. Das spielt seinen Gegnern in die Hände", zeigte sich Glen Howard von der US-Denkfabrik Jamestown Foundation überzeugt. Zuletzt hatten im März 2010 zwei Selbstmordattentäterinnen in der Moskauer U-Bahn 40 Menschen mit in den Tod gerissen

AIRPORT NACH 20 MINUTEN WIEDER GEÖFFNET

Der Flughafen Domodedowo, der voriges Jahr laut Planung mehr als 20 Millionen Passagiere abfertigen sollte, wurde Interfax zufolge nach 20-minütiger Unterbrechung wieder geöffnet. Flüge wurden währenddessen zu den anderen Moskauer Flughäfen Wnukowo und Scheremetjewo umgeleitet. Es seien zusätzliche Sicherheitsvorkehrungen getroffen worden, unter anderem kämen Störsender für Mobiltelefone zum Einsatz, berichtete Interfax. Auch Medwedew kündigte zusätzliche Schutzvorkehrungen für Luftverkehrskreuze an. "Wir trauern um die Opfer des Terroranschlags vom Flughafen Domodedowo. Die Organisatoren werden zur Strecke gebracht und bestraft", erklärte Medwedew.

Unter den Opfern des Selbstmordanschlags sind nach Angaben von Air Berlin keine Passagiere oder Mitarbeiter der Fluglinie. Rund 40 Minuten vor der Explosion war eine Maschine der zweitgrößten deutschen Fluglinie aus Düsseldorf auf dem Flughafen gelandet. "Nach derzeitigem Stand sind weder Passagiere noch Air-Berlin-Personal betroffen", sagte eine Sprecherin am Montag. Eine Maschine der Lufthansa sollte nach Angaben eines Sprechers noch am Abend aus Domodedowo nach Frankfurt zurückkehren. Dagegen meldete das Gesundheitsministerium in Moskau auf seiner Webseite, dass unter den Opfern auch ein französischer, ein britischer und ein italienischer Staatsbürger seien. Im Auswärtigen Amt hieß es auch am Abend noch, bislang sei nichts über deutsche Opfer bekannt. Die Botschaft bemühe sich weiter um Aufklärung.   Fortsetzung...

 
<p>Sicherheitskr&auml;fte am Moskauer Domodedowo-Flughafen am 24. Januar 2011. REUTERS/Denis Sinyakov</p>