Guttenberg zieht Kritik der Wissenschaft auf sich

Sonntag, 27. Februar 2011, 13:58 Uhr
 

Berlin (Reuters) - Nach den Rücktrittsforderungen aus der Opposition schlägt Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg nun auch heftige Kritik aus der Wissenschaft in der Plagiatsaffäre entgegen.

"Wir sind einem Betrüger aufgesessen. Es ist eine Dreistigkeit ohnegleichen, wie er honorige Personen der Universität hintergangen hat", sagte der Nachfolger von Guttenbergs Doktorvater an der Uni Bayreuth, Oliver Lepsius. Der langjährige Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), Ernst-Ludwig Winnacker, betonte, Plagiarismus in der Wissenschaft sei kein Kavaliersdelikt. Als erster Unionspolitiker äußerte Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Wolfgang Böhmer offen Zweifel, ob der CSU-Politiker die Affäre überstehen wird. "Ich weiß nicht, wie lange er das erträgt und aushalten kann", sagte Böhmer dem "Tagesspiegel am Sonntag".

Jura-Professor Lepsius warf Guttenberg in der "Süddeutschen Zeitung" vor, unter Realitätsverlust zu leiden. "Er kompiliert planmäßig und systematisch die Plagiate, und er behauptet, nicht zu wissen, was er tut."

DFG-Präsident Matthias Kleiner warnte vor der Verharmlosung von Plagiaten. Wissenschaftler teilten ihre Ideen und Erkenntnisse, "aber sie entwenden sie nicht", sagte er dem "Tagesspiegel". Kleiners Amtsvorgänger Winnacker riet Guttenberg im "Spiegel", sich zu überlegen, ob er sich noch vor seine Soldaten oder die Studenten der Bundeswehrhochschulen stellen und von Tugenden sprechen könne. "Leute, die so etwas machen, sind in der Wissenschaft erledigt." Für die Vorgänge um Guttenbergs Doktorarbeit gebe es weder für den Minister noch für die zuständige Kommission der Uni Bayreuth eine Entschuldigung. Der Frankfurter Rechtsanwalt und Spezialist für Streitereien um Examens- und Prüfungsarbeiten, Michael Hofferbert, sagte dem Nachrichtenmagazin: "Kein Richter wird einem Kandidaten glauben, der über hundert Seiten seiner Doktorarbeit abschreibt und hinterher behauptet, er habe dies versehentlich getan."

In dieselbe Kerbe schlug auch SPD-Chef Sigmar Gabriel. "Niemand kann ernsthaft glauben, dass jemand unwissentlich auf 286 von 393 Seiten seiner Doktorarbeit abschreibt." Offenbar könne Guttenberg sich, seiner Familie und seinen Fans seien "Betrugsversuch" nicht eingestehen, mutmaßte Gabriel in der "Bild am Sonntag". Gabriels Parteikollege Kurt Beck sagte im Deutschlandfunk, es gehe nicht um ein Kavaliersdelikt. "Man muss vermuten, dass er bewusst betrogen hat." Gabriel griff auch Kanzlerin Angela Merkel scharf an, die sich mehrfach hinter Guttenberg gestellt hat. Sie sei die Erste, die in Deutschland behaupte, dass jemand in seinem Privatleben geistiges Eigentum stehlen und betrügen dürfe und trotzdem in seinem Beruf als Minister bleiben könne. "Wenn das Schule macht, dann werden sich künftige Politiker darauf berufen." Dies schade der Demokratie.

ANTI-GUTTENBERG-DEMONSTRANTEN ZEIGEN MINISTER DIE SCHUHE

Sachsen-Anhalts Regierungschef Böhmer betonte hingegen, es stehe gar nicht fest, ob es sich bei der Arbeit um ein absichtsvolles Plagiat handele. Er halte das Verhalten des Doktoranden Guttenberg aber weder für legitim noch für ehrenhaft. Nach Einschätzung von Finanzminister Wolfgang Schäuble wird Guttenberg trotz der Affäre "noch eine lange, große Laufbahn" vor sich haben. "Mein junger Kollege wird sich wieder erholen", sagte der CDU-Politiker dem "Focus". Guttenberg, der zu den herausragenden Talenten der Politik gehöre, habe seinen Fehler zugegeben und seinen Doktortitel eingebüßt. "Das Thema wird sich erledigen."

Mehrere hundert Bürger nahmen am Samstag an einer Anti-Guttenberg-Demo in Berlin teil. In Anlehnung an die Proteste in Ägypten vor einigen Wochen hoben sie Schuhe in die Höhe. Auf Transparenten waren Sprüche zu lesen wie: "Doktor-Titel am Hindukusch verteidigen!", "GUTTBYE" oder "Betrug ist keine Fußnote".

 
<p>Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg w&auml;hrend einer Bundestags-Debatte in Berlin am 24. Februar 2011. REUTERS/Thomas Peter</p>