Japanische Regierung schließt Kernschmelze nicht aus

Sonntag, 13. März 2011, 12:19 Uhr
 

Sendai (Reuters) - Die japanische Regierung schließt nicht aus, dass es in zwei Atomreaktoren des schwerbeschädigten Meilers Fukushima 1 zu einer Kernschmelze gekommen ist.

Zudem drohe in Block 3 der Anlage eine ähnliche Explosion wie am Samstag in Block 1, als das Betongehäuse einstürzte, sagte Kabinettschef Yukio Edano am Sonntag. Das Atomkraftwerk war bei einem Erdstoß der Stärke 8,9 am Freitag schwerbeschädigt worden. Das bislang stärkste Beben in der Geschichte Japans und ein dadurch ausgelöster Tsunami verwüsteten weite Teile im Nordosten des Landes. Es sei nahezu sicher, dass mehr als 10.000 Menschen ums Leben gekommen seien, zitierte der TV-Sender NHK den Polizeichef der Präfektur Miyagi, Naoto Takeuchi.

Auf die Frage von Journalisten, ob Brennstäbe in der Anlage teilweise geschmolzen seien, sagte Edano: "Diese Möglichkeit besteht." Bestätigen lasse sich dies nicht, da man nicht prüfen könne, was sich im Inneren der Reaktoren abspiele. Aber in beiden Fällen würden Maßnahmen getroffen, die auf einer solchen Annahme fußten. Später sagte Edano, es sei unwahrscheinlich, dass sich in Block 3 eine Kernschmelze ereignet habe. Womöglich hätten sich die Brennstäbe zum Teil verformt. Es bestehe nach dem Ausfall der Kühlung aber das Risiko einer Explosion, allerdings werde die eigentliche Hülle des Reaktors davon vermutlich nicht betroffen sein. Am Samstag hatte eine Explosion die Beton-Außenhülle von Block 1 zerstört. Die Stahlhülle des Reaktorkerns blieb aber nach Angaben der Regierung intakt.

Strahlung trat dennoch aus. Nach Angaben der Betreiberfirma Tepco wurden die Grenzwerte für die Strahlenbelastung überschritten. Eine unmittelbare Gesundheitsgefahr bestehe aber nicht. Nach Angaben der Regierung versuchten Fachleute, eine Explosion in Block 3 zu verhindern, indem sie Meerwasser zur Kühlung in die Anlage pumpten. Diese Methode wurde auch bei Block 1 angewendet. Diesmal habe man jedoch "frühzeitig damit begonnen", Druck abzulassen und Wasser einzupumpen, sagte Edano. Beobachter werteten dies als Eingeständnis, dass die Regierung bislang zu zögerlich vorging. Kritiker werfen ihr schwaches Krisenmanagement vor.

Japans Atomsicherheitsbehörde ging davon aus, dass bis zu 160 Menschen der radioaktiven Strahlung ausgesetzt gewesen sein könnten. Menschen um Umkreis von 20 Kilometern rund um Fukushima 1 mussten die Gegend verlassen. Für ein weiteres Atomkraftwerk in der Nähe wurde eine Evakuierungszone mit einem Radius von zehn Kilometern verhängt. In Evakuierungszentren wurden Neuankömmlinge von Personal in Schutzkleidung überprüft, ob sie verstrahlt waren. Landesweit seien bislang 300.000 Menschen in Sicherheit gebracht worden, meldete die Nachrichtenagentur Kyodo. 5,5 Millionen Menschen müssten ohne Strom auskommen, 3400 Gebäude seien zerstört oder beschädigt.

Die Suche nach Überlebenden ging fieberhaft weiter. Erschwert wurde die Arbeit der Rettungskräfte durch starke Nachbeben. Aus dem Ausland traf Hilfe ein, so auch ein Team des Technischen Hilfswerkes aus Deutschland, das die deutsche Botschaft bei der Koordinierung der Hilfsmaßnahmen der Bundesregierung unterstützen sollte.

Das Ausmaß der Schäden war noch unklar, dürfte aber zweistellige Milliardenbeträge erreichen. Die japanische Notenbank will Medienberichten zufolge den Finanzmarkt in der mit umgerechnet mehreren Milliarden Euro stützen. Wie hoch die Belastungen für den japanischen Staatshaushalt sein werden, war zunächst unklar. Die Regierung erklärte, es stünden Haushaltsreserven in Höhe von umgerechnet 1,8 Milliarden Euro zur Verfügung. Die Börse in Tokio sollte am Montag wie normal öffnen.

 
<p>The damaged roof of reactor number No. 1 (L) is seen next to an undamaged reactor at the Fukushima Daiichi nuclear plant after an explosion that blew off the upper part of the structure in Fukushima Prefecture, northeastern Japan, March 12, 2011.REUTERS/Mainichi</p>