Hamsterkäufe in Tokio - Sorge vor Strahlen wächst
Tokio (Reuters) - Nach der Warnung vor radioaktiv verseuchtem Trinkwasser wächst in der Millionenmetropole Tokio die Angst vor tödlichen Strahlen aus dem Katastrophenkraftwerk Fukushima. Zwar sank die radioaktive Belastung des Leitungswassers in der Hauptstadt am Donnerstag wieder unter den für Säuglinge und Kleinkinder erlaubten Grenzwert. In den Läden kam es dennoch zu Panikkäufen: Abgefülltes Trinkwasser wurde vielerorts knapp. Wegen der Atomkatastrophe meiden deutsche Reedereien mittlerweile die Häfen in Tokio und Yokohama. Unter den Flüchtlingen aus der Sperrzone von Fukushima wuchs zudem die Sorge, dass sie nie wieder in ihre Dörfer zurückkehren könnten.
Im rund 250 Kilometer entfernt gelegenen havarierten Atomkraftwerk Fukushima stabilisierte sich nach Angaben des Betreiber Tepco die Lage. Arbeiter nahmen nach fast eintägiger Pause wieder ihre Arbeit am Reaktor 3 auf, von dem wegen seiner Mischbrennstäbe mit hochgiftigem Plutonium die größte Gefahr ausgeht. Die Atomsicherheitsbehörde teilte aber mit, dass in der Reaktoranlage erneut drei Arbeiter verstrahlt worden seien. Zwei von ihnen müssten im Krankenhaus behandelt werden.
WARNUNG AUFGEHOBEN - WASSER AUSVERKAUFT
Die Regierung hatte die Bevölkerung zwischenzeitlich aufgerufen, Babys im Großraum Tokio kein Leitungswasser mehr zu geben, weil die gesundheitsschädlichen Werte überschritten seien. Im Tagesverlauf hob sie die Warnung wegen der niedrigeren Werte dann aber wieder auf. Die Sorge blieb. "Die Kunden fragen uns nach Wasser, aber es ist alles ausverkauft", sagte ein Händler im Osten der Hauptstadt. Auch Gemüse und Milch aus der Fukushima-Region waren belastet. Nach den USA und Hongkong setzten Singapur und Australien die Einfuhr von Milch und Fleisch aus dem Gebiet aus.
Um Besatzungen und Schiffe vor radioaktiver Strahlung zu schützen, steuern die Hamburger Unternehmen Hapag-Lloyd und Claus-Peter Offen die Häfen von Tokio und Yokohama an der japanischen Ostküste vorerst nicht mehr an, wie die Unternehmen bestätigten. Sollten andere ausländische Handelsgesellschaften sich diesem betont vorsichtigen Vorgehen anschließen, befürchten Branchenvertreter für die krisengeschüttelte Wirtschaft des Landes eine weitere Verschärfung der Lieferengpässe.
Zehntausende Flüchtlinge aus der unmittelbaren Umgebung des havarierten Atomkraftwerks befürchten unterdessen, dass sich die Rückkehr in ihre Heimatdörfer je nach Grad der Verseuchung um Jahre, wenn nicht sogar Jahrzehnte verzögern könnte. Um das Katastrophenkraftwerk haben die Behörden in einem Umkreis von bislang 20 Kilometern Ortschaften evakuiert. Mehr als 70.000 Menschen sind davon betroffen. Sollte die Sperrzone auf 30 Kilometer ausgedehnt werden, müssten die Behörden für 130.000 weitere Menschen Notunterkünfte finden.
"DIE MENSCHEN HABEN DREI KATASTROPHEN HINTER SICH"
"Niemand wagt es, laut darüber zu reden, aber tief im Herzen sorgt sich jeder von ihnen, dass sie frühestens in einigen Jahren zurückkehren können", sagt Schuldirektor Yoichi Azuma. In der Turnhalle seiner Wirtschaftsschule in Koriyama haben 150 Flüchtlinge Unterschlupf gefunden - nur wenige Kilometer außerhalb der Sperrzone. "Die Menschen haben drei Katastrophen hinter sich: das Erdbeben, die Flutwelle und nun die unsichtbare Gefahr der Strahlen, was eine von Menschen gemachte Katastrophe ist." Die Wut über das Atomdesaster wachse von Tag zu Tag.
Für die nach dem verheerenden Erdbeben vor fast zwei Wochen rund eine viertel Million Obdachlosen im Osten des Landes verbesserte sich die Lage ein wenig. Hilfslieferungen kamen in Gang, die Stromversorgung war teilweise wieder gesichert. Die Region wurde allerdings immer noch von Nachbeben erschüttert, die auch in Tokio zu spüren waren. Das Erdbeben und der darauf folgende Tsunami hatten mehr als 9500 Menschen das Leben gekostet, 16.000 werden vermisst. Nach Schätzungen der japanischen Regierung entstanden Schäden von umgerechnet bis zu 220 Milliarden Euro.
- von Linda Sieg und Sumio Ito -
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