Japan lehnt größere Sperrzone ab - Strahlung nimmt zu

Donnerstag, 31. März 2011, 14:06 Uhr
 

Tokio (Reuters) - Trotz eindringlicher Appelle lehnt Japans Regierung eine Ausweitung der Evakuierungszone um das havarierte Atomkraftwerk Fukushima ab.

Dazu bestehe im Moment keine Notwendigkeit, sagte Regierungssprecher Yukio Edano am Donnerstag. Die Lage werde von Tag zu Tag neu bewertet. Die Radioaktivität im Meerwasser stieg unterdessen erneut auf einen Rekordwert. Als erster ausländischer Staatschef seit Beginn der Katastrophe besuchte der französische Präsident Nicolas Sarkozy Japan und forderte weltweit einheitliche Sicherheitsstandards für Atomkraftwerke. Als Zeichen der Solidarität will auch Außenminister Guido Westerwelle Tokio besuchen. Die Reise sei für Samstag geplant, verlautete aus Regierungskreisen.

Die Umweltschutzorganisation Greenpeace forderte eine Ausweitung der Sperrzone auf 40 Kilometer, um die Bevölkerung vor Strahlen zu schützen. Nach der UN-Atomenergiebehörde (IAEA) empfahl auch die japanische Nuklearaufsicht der Regierung, eine Ausweitung der Evakuierungszone zu erwägen. Um das AKW gilt bislang eine Sperrzone von 20 Kilometern. Einwohnern in einem Umkreis von weiteren zehn Kilometern wird empfohlen, wegen der Strahlengefahr das Gebiet freiwillig zu verlassen oder sich zumindest nicht im Freien aufzuhalten. Nach IAEA-Angaben wurden aber auch in einem Dorf 40 Kilometer von Fukushima entfernt hohe Strahlungswerte gemessen.

Im Meer vor dem AKW stieg die Konzentration von radioaktiven Jod-Partikeln weiter und lag 4385-fach über dem Grenzwert. Die hohen Werte könnten bedeuten, dass ständig Radioaktivität aus dem Reaktor entweiche, warnte die japanische Atombehörde. Es sei jedoch unklar, wo sich das Leck befinde. Auch außerhalb Japans wächst die Sorge vor den Folgen der Reaktorkatastrophe: Singapur erklärte, die Strahlenbelastung von Kohl aus Japan überschreite teilweise den Grenzwert um das neunfache. Sogar in Milchproben im US-Bundesstaat Washington fanden US-Behörden "minimale" Radioaktivitätswerte. Die gemessene Strahlung sei jedoch weit davon entfernt, für Menschen gefährlich zu sein.

SARKOZY LÄDT ZU G20-TREFFEN IN PARIS EIN

Die Gruppe der 20 führenden Industrie- und Schwellenländer (G20) solle sich bis Ende des Jahres auf ein internationales Regelwerk zum Schutz vor AKW-Unglücken einigen, forderte Sarkozy. Japans Ministerpräsident Naoto Kan begrüßte den Vorstoß. Aus den Vorfällen in Fukushima müssten Konsequenzen gezogen werden und zwar nicht nur in Japan.

Die neuen AKW-Sicherheitsstandards sollen im Juni auf einer Konferenz der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) in Wien diskutiert werden. Als Vorbereitung darauf schlug Sarkozy ein Treffen der G20-Staaten in Paris im Mai vor, bei dem Vertreter der nationalen Atomaufsichtsbehörden über schärfere Vorschriften für Reaktoranlagen beraten sollten. Frankreich hält derzeit den G20-Vorsitz inne. Kein anderes Land auf der Welt hängt so stark von der Kernenergie ab wie Frankreich: Die 58 Atomkraftwerke des Landes sichern 75 Prozent des nationalen Strombedarfs ab.

Bei seiner Japanreise wurde Sarkozy von Umweltministerin Nathalie Koscuisko-Morizet begleitet. Ein Team französischer Atomexperten, darunter die Chefin des Atomkonzerns Areva, ist bereits vor Ort, um der japanischen Regierung und dem Reaktorbetreiber Tokyo Electric Power (Tepco) beim Kampf gegen eine Ausweitung der Strahlenkatastrophe zu helfen. Nach Einschätzung Arevas wird es aber noch "eine lange Zeit" dauern, bis sich die Lage an den Reaktor-Ruinen von Fukushima stabilisiert.

Die Hilfen nach der verheerenden Naturkatastrophe und die Kosten für den Wiederaufbau könnten die japanische Regierung mehr als 120 Milliarden Dollar kosten. Über diese Summe werde wohl ein Nothaushalt ins Parlament eingebracht, sagte Vize-Finanzminister Mitsuru Sakurai. Zur Finanzierung des Sonderetats erwägt die Regierung der Wirtschaftszeitung "Nikkei" zufolge die Einführung einer Sondersteuer und die Ausgabe spezieller Anleihen. Neben den Schäden durch das Beben und den Tsunami werden vor allem die von der Atom-Katastrophe im Akw Fukushima besonders betroffenen Gebiete Finanzhilfen benötigen. Analystenschätzungen zufolge könnte der Akw-Betreiber Tepco mit Schadensersatzforderungen in Höhe von mehr als 130 Milliarden Dollar konfrontiert werden.