Erdbeben bremst Japans Wirtschaft aus- Nullzins bleibt

Donnerstag, 28. April 2011, 15:15 Uhr
 

* Notenbank rechnet nur noch mit halb so viel Wachstum

* Industrieproduktion bricht im März ein wie nie

* Erholung wird erst ab Oktober erwartet

Tokio (Reuters) - Erdbeben, Flutwelle und Atomkatastrophe werfen die japanische Wirtschaft nach Einschätzung der Notenbank weit zurück.

Erst ab Oktober sei wieder mit einer stärkeren Konjunkturerholung zu rechnen, teilten die Währungshüter am Donnerstag mit. Vor allem die Industrie werde von der Naturkatastrophe hart getroffen, weil die Lieferketten unterbrochen seien. Die Notwendigkeit, der Wirtschaft mit noch mehr Geld unter die Arme zu greifen, sehen die Notenbanker dagegen nicht. Sie stockten ihr Wertpapier-Ankaufprogramm nicht auf und enttäuschten damit die Volkswirte, die mit einem neuerlichen Einschreiten der Bank von Japan gerechnet hatten.

Anlass für die Zurückhaltung der Währungshüter ist Kreisen zufolge der Grund für die Konjunkturabkühlung: Zu schaffen macht den Firmen nicht eine fehlende Nachfrage, sondern Einschränkungen in der Produktion, weil Fabriken zerstört sind und wichtige Teile fehlen. Im März, als das Beben Japan erschütterte, brach die Industrieproduktion um 15,3 Prozent ein. Das ist der stärkste Rückgang seit Beginn der Datenerhebung. Eine Umfrage unter den Einkaufsmanagern deutet ebenfalls auf Rückgänge hin. Auch bei den Verbrauchern hinterlässt die Katastrophe tiefe Spuren: Sie gaben im März 8,5 Prozent weniger aus als im Vorjahr, das ist ebenfalls ein Rekordminus. Die Bank von Japan rechnet nicht damit, dass die Wirtschaft schnell wieder Fuß fasst.

AUTOHERSTELLER BESONDERS VON BEBEN BETROFFEN

Sie rechnet für das Fiskaljahr 2011/2012 (bis Ende März 2012) mit einem Wachstum von lediglich 0,6 Prozent. Vor dem Beben hatten die Währungshüter noch mit 1,6 Prozent gerechnet. Dabei ist nicht nur das Beben Grund für die Abkühlung: Ende des vergangenen Geschäftsjahres rutschte die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt nach Berechnungen der Notenbank sogar in die Rezession zurück. Immerhin ist für das kommende Jahr Besserung in Sicht, wenn der Wiederaufbau in den vom Erdbeben besonders betroffenen Gebieten läuft. Für das Geschäftsjahr bis März 2013 erwarten die Notenbanker ein Wachstum von 2,9 Prozent und sind damit optimistischer als noch im Januar.

Gerade die Industrie dürfte aber noch länger unter den Folgen der Katastrophe leiden. Autohersteller sind besonders betroffen. Am Donnerstag bereitete Honda-Finanzchef die Anleger auf düstere Zahlen vor: Das Ergebnis für das Quartal von April bis Juni sei "sehr schwierig", und im kommenden Vierteljahr könnte es sogar noch schlimmer kommen. "Die Industrieproduktion dürfte nicht vor dem Herbstquartal dahin zurückkehren, wo sie vor dem Erdbeben war", sagte Kiichi Murashima von Citigroup Global Markets. "Firmen, die stark von Zulieferern abhängig sind, sind in einer schlechten Verfassung." Allerdings müsse die Regierung eine wichtigere Rolle beim Wiederaufbau spielen als die Notenbank: "Sie muss den Wiederaufbau der zerstörten Regionen planen." Es wird damit gerechnet, dass die Regierung Anfang Mai einen Extrahaushalt mit einem Volumen von vier Billionen Yen (etwa 33 Milliarden Euro) auflegt.

Ein zweiter Nothaushalt dürfte deutlich umfangreicher ausfallen. Unklar ist noch, wie er finanziert wird - ob über neue Anleihen oder Steuererhöhungen. Schon jetzt ist Japans Schuldenberg mehr als doppelt so hoch wie die Wirtschaftsleistung. Die Ratingagentur Standard & Poor's drohte bereits mit einer Herabstufung, weil die riesigen Kosten für den Wiederaufbau den Staatshaushalt endgültig aus dem Ruder laufen lassen könnten. Japan steckt nach dem gewaltigen Erdbeben mit einer Stärke von 9,0, dem verheerenden Tsunami und dem Atomunglück in Fukushima in der schwersten Krise seit dem zweiten Weltkrieg.

Die Notenbank hatte bereits kurz nach dem Beben ein Notkreditprogramm aufgelegt und den Ankauf von noch mehr Wertpapieren angekündigt. Der Leitzins in Japan liegt bereits seit längerem Nahe Null. Anders als die Europäische Zentralbank (EZB) hat es die japanische Notenbank mit fallenden Preisen zu tun. Immerhin ist dank steigender Energiepreise hier Entlastung in Sicht: Die Währungshüter rechnen mit einer Kerninflation von 0,7 Prozent im laufenden Geschäftsjahr. Zuletzt war davon aber wenig zu spüren: Im März waren die Lebenshaltungskosten in Japan rückläufig.