Kreise: Verkauf von RWE-Stromnetz steht kurz bevor

Mittwoch, 22. Juni 2011, 16:04 Uhr
 

Düsseldorf/Frankfurt (Reuters) - Der Energieriese RWE steht Finanzkreisen zufolge kurz vor dem Verkauf seines Stromnetzes.

Ein von der Commerzbank-Tochter Commerz Real organisiertes Konsortium aus den Pensionskassen von fünf deutschen und Schweizer Versicherern werde 75 Prozent an der RWE-Netztochter Amprion übernehmen, sagten mehrere mit der Transaktion vertraute Personen der Nachrichtenagentur Reuters am Mittwoch. Der Branchenprimus Allianz sei aber nicht darunter. Finanziell sei man sich bereits einig, nun müssten nur noch juristische Einzelheiten geklärt werden. Der Preis könne bei bis zu 1,1 Milliarden Euro einschließlich Schulden liegen, hieß es in den Kreisen.

Die RWE-Aktie stieg am Mittwoch gegen den Markttrend um 0,8 Prozent auf 38,38 Euro.

Das 12.000 Kilometer lange RWE-Hochspannungsnetz, das von der Industrieregion an Rhein und Ruhr zu den Wasserkraftwerken in den Schweizer Alpen reicht und mehr als 25 Millionen Kunden in West- und Süddeutschland mit Strom versorgt, steht seit Monaten zum Verkauf. Der zweitgrößte deutsche Energiekonzern will aber einen Anteil von 25 Prozent und die unternehmerische Führung behalten. Für die Pensionskassen, die Milliarden sicher und langfristig anlegen müssen, sind die Netze eine verlässliche Einnahmequelle, wie Banker argumentieren. Die Erlöse sind über viele Jahre planbar.

RWE hatte sich als größter Stromproduzent lange Zeit geziert, sein Netz wie von der EU gefordert abzukoppeln. Doch rückläufige Gewinne und die Belastungen aus der Energiewende bewirkten einen Sinneswandel. Nun forciert Vorstandschef Jürgen Großmann den Konzernumbau. Der Rivale E.ON hatte sein Hochspannungsnetz an die niederländische TenneT verkauft, die Überlandleitungen von Vattenfall Europe gingen an ein Konsortium um die belgische Elia.

KLAGE GEGEN DIE BRENNELEMENTESTEUER

Die deutschen Versorger stehen wegen des beschleunigten Atomausstiegs vor großen Herausforderungen. Um aus Windkraft oder Sonnenenergie gewonnenen Strom dorthin zu transportieren, wo er gebraucht wird, müssen viele Kilometer neue Stromtrassen gebaut werden. Zugleich wird die Auslastung des bestehenden, 36.000 Kilometer langen Netzes schwerer kalkulierbar.

Unterdessen kämpfen die großen Versorger weiter gegen die Belastungen im Zusammenhang mit dem Atomausstieg. RWE klagt gegen die 2010 beschlossene Brennelementesteuer, die eigentlich der Preis für die Verlängerung der Kernkraftwerks-Laufzeiten sein sollte. Nach der Abschaltung der alten Meiler fällt diese mit jährlich etwa 1,3 Milliarden Euro zwar rund eine Milliarde geringer aus als geplant. Die Versorger hatten aber gehofft, dass sie ganz gekippt würde.

Die Klage vor dem Finanzgericht München kommt von der Betreibergesellschaft des Atomkraftwerks Gundremmingen, an der zu 25 Prozent auch E.ON beteiligt ist. Das Vorgehen sei mit E.ON abgestimmt. RWE wie E.ON sehen die Atom-Steuer als rechtswidrig an. E.ON-Chef Johannes Teyssen hat wegen der Regierungspläne zum Atom-Ausstieg bereits eine Entschädigung in Milliardenhöhe verlangt. Auch Vattenfall fordert Schadenersatz.

Der schwedische Staatskonzern erwartet wegen des Atomausstiegs in Deutschland milliardenschwere Gewinneinbußen. Zwei Atomreaktoren müssten abgeschrieben, die Rückstellungen für den Abriss und die Endlagerung der Kernbrennstäbe erhöht werden, erklärte Vattenfall am Mittwoch. Das könne den Gewinn im zweiten Quartal fast auffressen: Das operative Ergebnis werde dadurch mit knapp 1,1 Milliarden Euro belastet, hieß es. In den ersten drei Monaten hatte der Betriebsgewinn bei 1,3 Milliarden Euro gelegen.

- von Arno Schütze und Peter Dinkloh -

 
<p>RWE-Chef J&uuml;rgen Grossmann w&auml;hrend einer Aktion&auml;rsversammlung in Essen am 20. April 2011. REUTERS/Wolfgang Rattay</p>