Britische Atompläne von E.ON und RWE auf dem Prüfstand

Dienstag, 5. Juli 2011, 16:34 Uhr
 

Düsseldorf (Reuters) - Nach dem Atomausstieg in Deutschland könnten die Energiekonzerne E.ON und RWE auch ihre Pläne zum Bau neuer Meiler in Großbritannien einstampfen.

"Wir warten auf die nächsten Schritte der Regierung", sagte ein Sprecher von RWE am Dienstag. "Vorher wird es keine Entscheidung geben." Auch E.ON verwies darauf, dass die Regierung in London im Herbst darlegen will, wie es mit dem Bau neuer Meiler weitergehen könne. Erst danach könnten sich die Konzerne klarer äußern. Es gebe aber derzeit keine Veränderungen bei den Planungen. RWE und E.ON wollen bisher bis 2020 den ersten neuen Meiler auf der Insel errichten.

Das Vorhaben stammt jedoch aus einer Zeit, als die Konzerne noch nahezu im Geld schwammen und Begriffe wie Fukushima, Atom-Moratorium und Brennelementesteuer nicht in aller Munde waren. E.ON und RWE rückten von den Plänen in Großbritannien ab, berichtete nun die "Süddeutsche Zeitung". Die Investitionen würden für die Konzerne zu teuer, zitierte das Blatt namentlich nicht genannte Manager, die mit dem Projekt vertraut seien.

Bei den Analysten gab es keine einhellige Einschätzung zu den Aussichten für das Projekt. Ein Ausstieg wäre angesichts der unklaren Gewinnaussichten für neue AKW in Großbritannien eine realistische Möglichkeit, hieß es in einem Marktkommentar. In einem anderen Bericht wurde ein solcher Fall hingegen als Überraschung bezeichnet, da sich E.ON und RWE die langfristige Möglichkeit zum Bau neuer Meiler wohl erhalten wollten.

E.ON UND RWE KÄMPFEN MIT ATOMAUSSTIEG UND HOHEN SCHULDEN

Offiziell halten die Konzerne an ihren Überlegungen fest. Die Pläne hätten immer unter dem Vorbehalt gestanden, dass die Rahmenbedingungen stimmten. Schon nach der Reaktorkatastrophe in Japan Mitte März hatte RWE-Großbritannien-Chef Volker Beckers erklärt, dass das Vorhaben auf den Prüfstand gestellt werden müsse, sollten die Reaktorhersteller aus Sicherheitsgründen zu deutlich kostspieligeren Nachrüstungen gezwungen werden. Eine Entscheidung über den Reaktortyp von E.ON und RWE hatte sich bereits verzögert und ist bis heute nicht gefällt worden.

Die finanzielle Lage von E.ON und RWE hat sich seit der Gründung eines gemeinsamen Konsortiums 2009 zum Bau neuer Meiler in Großbritannien deutlich geändert. Die Gewinne sprudeln nicht mehr wie früher. E.ON drücken Schulden von 36 Milliarden Euro, RWE steht mit über 27 Milliarden Euro in der Kreide. Um gegenzusteuern, stoßen die Konzerne zahlreiche Geschäfte ab. In Großbritannien spielt RWE Kreisen zufolge den Verkauf der Strom- und Gastochter Npower durch. E.ON hat bereits sein britisches Stromnetz verkauft. Schon vor dem vereinbarten Atomausstieg in Deutschland hatten E.ON-Chef Johannes Teyssen und RWE-Boss Jürgen Großmann die Anleger auf sinkende Gewinne vorbereitet. Nach dem Aus der Atomkraftwerke in Deutschland bis Ende 2022 rechnen Experten damit, dass die Versorger bald ihre Prognosen senken werden.

Im Herbst 2009 hatten RWE und E.ON angekündigt, bis 2025 in Großbritannien neue Kernkraftkapazitäten im Umfang von rund 6000 Megawatt errichten zu wollen. Das wären fünf bis sechs Atomkraftwerke. Die Investitionssumme hatte das Joint Venture mit dem Namen "Horizon Nuclear Power" auf rund 17 Milliarden Euro beziffert. Auch zwei Standorte, in Wylfa in Wales und Oldbury-on-Severn in Gloucestershire, hatten sie sich bereits gesichert. Die Finanzierungsbedingungen für solche langfristigen Investments, die erst nach Jahren Gewinne abwerfen, sind inzwischen schwieriger geworden. Ratingagenturen wie Standard & Poor's und Moody's schätzen nach der Atomwende die Kreditwürdigkeit von E.ON und RWE skeptischer ein.

 
<p>Blick auf das Atomkraftwerk Biblis am 22. M&auml;rz 2011. Der Bildausschnitt l&auml;sst den RWE-Werbeslogan "VoRWEg gehen" als "WEg gehen" erscheinen. REUTERS/Kai Pfaffenbach</p>