Dutzende Tote bei Panzereinsatz im syrischen Hama

Sonntag, 31. Juli 2011, 13:57 Uhr
 

Amman (Reuters) - Die syrische Armee hat nach fast einmonatiger Belagerung mit Panzern die Oppositionshochburg Hama gestürmt und dabei Dutzende Menschen getötet.

Menschenrechtler und Einwohner sprachen am Sonntag von mindestens 45 Zivilisten, die durch das Feuer aus Panzerkanonen und Maschinengewehren ums Leben gekommen seien. Ein Bewohner der 700.000-Einwohner-Stadt sagte Reuters, es lägen noch viele Leichen in den Straßen. Scharfschützen der Armee sollen sich zudem auf den Dächern einiger Gebäude postiert haben. Die Strom- und Wasserversorgung wurde unterbrochen - eine Taktik, die das Militär seit Beginn des Volksaufstandes gegen Präsident Baschar al-Assad im März wiederholt vor der Erstürmung von Städten angewandt hat.

Im Morgengrauen seien die Panzer nach Hama gerollt, berichteten die Augenzeugen Reuters am Telefon. "Panzer greifen aus vier Richtungen an", sagte ein Arzt, der aus Angst vor einer Festnahme seinen Namen nicht nennen wollte. Die Panzer feuerten wahllos um sich und überrollten provisorische Barrikaden, die von den Bewohnern errichtet worden seien. Im Hintergrund waren Maschinengewehr-Schüsse zu hören.

Viele Menschen in Hama fürchten eine Neuauflage des Massakers von 1982. Damals unterdrückte Assads Vater und Amtsvorgänger Hafes mit Hilfe des Militärs einen Aufstand von Islamisten. Bis zu 30.000 Menschen wurden getötet, ganze Stadtviertel zerstört. Die Niederschlagung der Erhebung gilt als die gewalttätigste Episode in der syrischen Geschichte. Der türkische Ministerpräsident Tayyip Erdogan, einst einer der engsten Verbündeten Assads, hatte den syrischen Staatschef eindringlich zur Zurückhaltung ermahnt: "Wir wollen nicht noch ein Massaker von Hama erleben."

AUCH IM OSTEN, SÜDEN UND IN DAMASKUS ZWISCHENFÄLLE

Die Berichterstattung ist seit der Ausweisung fast aller unabhängigen Journalisten aus dem Land sehr schwierig. Die Angaben beruhen oft auf Augenzeugen. Eine unabhängige Bestätigung ist selten möglich. In Hama hatte es zuletzt mit die größten Demonstrationen gegen Assad gegeben, der seit elf Jahren an der Macht ist. Die Proteste wurden im März durch die Revolutionen des sogenannten Arabischen Frühlings in Tunesien und Ägypten ausgelöst.

Nach Angaben einer Aktivisten-Gruppe wurden am Wochenende auch rund um die ostsyrische Stadt Deir al-Sor Panzer gegen Demonstranten eingesetzt. Dort begann die Niederschlagung friedlicher Proteste bereits am Samstag. Einer Menschenrechtsgruppe zufolge gab es mindestens fünf tote Zivilisten. Im Süden des Landes stürmten Regierungstruppen in der Stadt Al-Hirak rund 35 Kilometer nordöstlich von Deraa Häuser. Auch dabei wurden einer Menschenrechtsgruppe zufolge drei Zivilisten getötet. Die Gruppe Syrian Observatory for Human Rights teilte mit, im Damaszener Vorort Muadamija seien mehr als 100 Menschen festgenommen worden. Ein westlicher Diplomat sagte, das Regime wolle mit den Aktionen die Menschen vor Beginn des Fastenmonats Ramadan am Montag einschüchtern und sie dazu zwingen, in ihren Häusern zu bleiben.

Die syrische Regierung sieht nach eigenem Bekunden "bewaffnete terroristische Gruppen" hinter den tödlichen Zwischenfällen während der Revolte. Es seien mehr als 500 Soldaten und anderes Sicherheitspersonal ums Leben gekommen. Nach Angaben der Menschenrechtsgruppe Avaaz töteten Armee und Geheimpolizei seit März mindestens 1600 Menschen, fast 3000 verschwanden. Mindestens 26.000 Personen wurden festgenommen.

 
<p>Hinweis: Reuters kann den Inhalt der Videoquelle dieses Standbilds nicht verifizieren. Ein Mann wird auf einer Bahre zum Al-Badra-Krankenhaus in Hama gebracht. Das Videostandbild wurde am 31. Juli 2011 erstellt. REUTERS/YouTube via Reuters TV</p>