Stimmung in der deutschen Wirtschaft bricht ein

Mittwoch, 24. August 2011, 17:57 Uhr
 

München/Berlin (Reuters) - Die Schuldenkrise, der Kursrutsch an den Aktienmärkten und Rezessionsängste haben die Stimmung der deutschen Firmenchefs so stark getrübt wie seit Beginn der Finanzkrise vor fast drei Jahren nicht mehr.

Der Ifo-Geschäftsklimaindex brach überraschend um 4,2 auf 108,7 Punkte ein, teilte das Münchner Ifo-Institut am Mittwoch mit. Das war der größte Rückgang seit November 2008, als nach der Pleite der US-Bank Lehman Brothers die schwerste Rezession seit Ende des Zweiten Weltkrieges folgte. "Die deutsche Wirtschaft kann sich den weltweiten Turbulenzen nicht entziehen", sagte Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn zu der Umfrage unter 7000 Managern.

Weil diese sowohl ihre Geschäftslage als auch die Aussichten für die kommenden sechs Monate deutlich schlechter bewerteten, fiel das wichtigste deutsche Konjunkturbarometer auf den niedrigsten Stand seit mehr als einem Jahr. Eine Rezession befürchtet das Institut aber nicht. "Davon würde ich im Moment noch nicht sprechen", sagte Ifo-Experte Klaus Abberger zu Reuters. "Die Firmen haben schon noch Auftragspolster, und nicht jede Abkühlung mündet in einer Rezession. Aber der Aufschwung verlangsamt sich sehr deutlich." Ähnlich sieht das Wirtschaftsminister Philipp Rösler: "Der Aufschwung setzt sich fort, weltweit und in Deutschland", sagte er. "Das Expansionstempo wird allerdings ruhiger werden."

ABKÜHLUNG IN ALLEN BRANCHEN

Das Geschäftsklima trübte sich in allen maßgeblichen Sektoren ein: von der Industrie über den Groß- und Einzelhandel bis hin zu den Dienstleistern und dem Baugewerbe. "Es ist ein starker Rückgang, und er ist breit angelegt", sagte Abberger. Sorge bereitet den Unternehmen vor allem die Schuldenkrise in Europa und den USA, die zu höheren Steuern und geringeren Staatsausgaben zwingt. "Die USA sind der Knackpunkt für die Weltwirtschaft", sagte Abberger angesichts der lahmen Konjunktur in der weltgrößten Volkswirtschaft, die einige Experten vor einer neuen Rezession sehen. "Auch Europa muss sparen und fällt als Zugpferd aus." Dagegen helfe das robuste Wachstum in Asien der Exportnation Deutschland.

Gefährdet werde der Aufschwung auch durch die Kurseinbrüche an den Aktienmärken, die die Verbraucher verunsicherten und für die Unternehmen ein Unsicherheitsfaktor seien. Allein der deutsche Leitindex Dax büßte in den vergangene vier Wochen rund ein Viertels seines Wertes ein. Rezessionsängste, die Herabstufung der Kreditwürdigkeit der USA durch eine Ratingagentur und die Sorge vor einer Ausweitung der Schuldenkrise auf Italien und Spanien haben die Anleger in Scharen aus Aktien flüchten lassen.

IFO RÄT DER EZB VON WEITEREN ZINSERHÖHUNGEN AB

Der Europäischen Zentralbank (EZB) rät das Ifo-Institut von weiteren Zinserhöhungen ab, die Kredite für Konsum und Investitionen verteuern und damit das Wachstum weiter dämpfen könnten. "Die Situation ist fragil", sagte Abberger. "Insofern ist eine weitere Zinserhöhung der EZB auf Pause gestellt." Sie hatte ihre Leitzins in diesem Jahr wegen wachsender Inflationsgefahren zweimal angehoben - von 1,0 auf aktuell 1,5 Prozent. Zumindest ein weiterer Schritt war in diesem Jahr noch erwartet worden.

Das Ifo-Barometer für die Konjunkturerwartungen fiel von 105,0 auf 100,1 Punkte. Das ist der schlechteste Wert seit Oktober 2009. Der Lage-Index ging von 121,4 auf 118,1 Punkte zurück. Tiefer lag er zuletzt im Januar.   Fortsetzung...

 
<p>Kunststoff-B&auml;r am 9. August 2011 im Handelsraum der Frankfurter B&ouml;rse. REUTERS/Pfaffenbach</p>