"Alarmstufe Rot"- Arbeitnehmer drohen Thyssen mit Veto
Bochum (Reuters) - Offener Streit bei ThyssenKrupp: Kurz vor der Entscheidung des Stahlriesen über einen Verkauf seiner Edelstahlsparte an den finnischen Konkurrenten Outokumpu drohen die Arbeitnehmer dem Vorstand mit einem Nein im Aufsichtsrat.
Gebe es keine Garantien für Arbeitsplätze und Werke, werde die Arbeitnehmerseite die Verkaufspläne ablehnen, sagte der IG-Metall-Vertreter und stellvertretende ThyssenKrupp-Aufsichtsratschef Bertin Eichler am Freitag in Bochum bei einer Demonstration von Tausenden aufgebrachter Stahlkocher. Eichler pocht darauf, dass ThyssenKrupp auch nach einem Verkauf in der Verantwortung bleibt. Am Nachmittag verhandelten die Arbeitnehmer weiter mit den Finnen. Der Zeitdruck steigt dabei stetig: Eichler zufolge soll der ThyssenKrupp-Aufsichtsrat am Dienstag über den Verkauf entscheiden.
Die Arbeitnehmer fürchten, dass bei einer Übernahme durch den finnischen Edelstahlkonzern Produktionsanlagen in Krefeld und Bochum mit etwa 1000 Beschäftigten vor dem Aus stehen - und letztlich sogar beide Werke insgesamt: "Die Werke sind extrem bedroht", hieß es in Arbeitnehmerkreisen. Es herrsche "Alarmstufe Rot". Outokumpu verfügt bereits über eigene Produktionsstätten in Europa. Die Finnen produzieren unter anderem in ihrem Heimatland, Großbritannien und Schweden. Zudem hatte die Arbeitnehmerseite mit dem Essener Konzern-Vorstand Verträge geschlossen, die auf eine Sicherung von Arbeitsplätzen und Werken abzielen. Darauf pocht sie nun. Würden Zusagen nicht eingehalten, stehe ThyssenKrupp ein "harter Kampf" ins Haus, warnte Eichler.
"ThyssenKrupp muss mindestens 30 Prozent an dem neuen Gemeinschaftsunternehmen halten", forderte Vize-Aufsichtsratchef Eichler zudem in einem Reuters-Interview. Outokumpu müsse zudem belastbare Pläne für die Zukunft der Inoxum getauften ThyssenKrupp-Edelstahlsparte vorlegen: "Ein industrielles Konzept muss auf den Tisch", betonte Eichler. Bislang seien noch keine Ergebnisse in den Gesprächen mit den Finnen erzielt worden, räumte er ein. "Ohne rechtsverbindliche Zusagen für den Schutz der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter werden wir einem Verkauf nicht zustimmen", hatte der nordrhein-westfälische IG-Metall-Chef Oliver Burkhard angekündigt.
"Die Verhandlungen mit Outokumpu und der Arbeitnehmerseite laufen weiter", sagte ein ThyssenKrupp-Sprecher. Sie würden "ergebnisoffen" geführt. "Vor einer Aufsichtsratssitzung brauchen wir eine Einigung", fügte der Sprecher hinzu. Ein Outokumpu-Sprecher sagte, der Konzern befinde sich weiter in Gesprächen mit den Arbeitnehmervertretern und dem ThyssenKrupp-Konzern.
GRÖSSTER EDELSTAHLPRODUZENT EUROPAS DAS ZIEL
Der ThyssenKrupp-Vorstand und Outokumpu wollen den größten Edelstahlproduzenten Europas schmieden. Damit dürfte auch Bewegung in die seit langem erwartete Konsolidierung der konjunkturabhängigen Branche kommen, die auch unter Überkapazitäten leidet. Neben Inoxum und Outokumpu gehören die ArcelorMittal-Abspaltung Amperam und Acerinox aus Spanien zu den wichtigsten Konzernen der Branche.
Experten haben den Wert der ThyssenKrupp-Tochter Inoxum auf ein bis zwei Milliarden Euro beziffert. Die Sparte hatte im vergangenen Geschäftsjahr mit über 11.000 Beschäftigten - etwa die Hälfte davon in Deutschland - den Umsatz um 14 Prozent auf 6,7 Milliarden Euro gesteigert. Allerdings lag der bereinigte Gewinn vor Zinsen und Steuern (Ebit) mit 15 Millionen Euro nur knapp über der Null-Linie. Der auf Edelstahl spezialisierte finnische Outokumpu-Konzern hatte 2010 mit über 8000 Beschäftigten einen Umsatz von rund 4,2 Milliarden Euro eingefahren - und schrieb in den vergangenen Jahren operative Verluste. In Deutschland hat der finnische Konzern seit über 20 Jahren im nordrhein-westfälischen Willich eine Niederlassung. Der Konzern ist für die ThyssenKrupp-Arbeitnehmer kein Unbekannter - 2003 hatte er bereits einen Bereich übernommen. "Drei Jahre später waren die Beschäftigten ihre Jobs los", erinnert sich Eichler. Outokumpu will am 1. Februar seine Ergebnisse für das Jahr 2011 vorlegen - einen Tag nach der geplanten Aufsichtsratssitzung bei ThyssenKrupp.
Bei dieser Sitzung könnte es zur Kampfabstimmung kommen, wenn die Arbeitnehmer nicht doch noch einlenken. Dann könnte es auf die Doppelstimme von Aufsichtsratschef Gerhard Cromme ankommen. Boxt die Kapitalseite jedoch die Verkaufspläne gegen alle Widerstände durch, droht ein offener Konflikt mit den Beschäftigten, wie es in Kreisen der Arbeitnehmervertreter hieß. Bernd Kalwa, Vorsitzender des Gesamtbetriebsrats, appellierte in Bochum bereits an den Konzernpatriarchen Berthold Beitz. Der Cromme-Vertraute müsse sicherstellen, dass ThyssenKrupp sich auch bei einem neuen Edelstahlkonzern engagiere. Die nordrhein-westfälische Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) hatte den Konzern aufgefordert, auf betriebsbedinge Kündigungen zu verzichten. Kraft ist Mitglied im Kuratorium der Krupp-Stiftung, die 25,33 Prozent an dem Konzern hält.
In Deutschland gehören das über 100 Jahre alte Traditionsunternehmen Nirosta und die Werkstofftochter VDM zu der ThyssenKrupp-Sparte Inoxum. Große Standorte sind Krefeld, Bochum und Düsseldorf-Benrath. Im Ausland zählen Werke in Italien, Mexiko, den USA und China dazu.
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