ThyssenKrupp stößt Edelstahlsparte an Finnen ab
Düsseldorf (Reuters) - ThyssenKrupp-Chef Heinrich Hiesinger holt mit dem Verkauf der schwächelnden Edelstahlsparte an den finnischen Rivalen Outokumpu zum Befreiungsschlag aus.
Die beiden Unternehmen brachten das milliardenschwere Geschäft nach zähen Verhandlungen mit IG Metall und Betriebsrat in der Nacht zum Dienstag unter Dach und Fach. Mit einem Ausschluss betriebsbedingter Kündigungen und der Sicherung der deutschen Standorte für vier Jahre und vermieden sie einen schweren Konflikt mit den mächtigen Arbeitnehmern. Hiesinger kann nun die Schulden des Konzerns senken und erhält zudem Mittel für Investitionen in Wachstumsgeschäfte wie die Technologiesparte.
Die ThyssenKrupp-Edelstahltochter Inoxum wird bei dem Deal mit 2,7 Milliarden Euro bewertet. Eine Milliarde Euro zahlt Outokumpu nach eigenen Angaben in bar an ThyssenKrupp. Zudem übernehmen die Finnen Verbindlichkeiten von Inoxum in Höhe von 422 Millionen Euro. Ganz verabschiedet sich ThyssenKrupp nicht aus dem Edelstahlgeschäft: Die Deutschen erhalten als weitere Komponente ein Paket von 29,9 Prozent der Anteile an dem finnischen Konzern, der mit der Eingliederung von Inoxum zum größten Edelstahlproduzenten Europas aufsteigt.
"Das ist für beide Seiten eine Win-Win-Situation", sagte Steubing-Analyst Michael Broeker. Outokumpu bekomme eine größere Nähe zu den wichtigsten Edelstahlmärkten Europa, Deutschland und Italien. "ThyssenKrupp ist den größten Brocken seines Desinvestitionsprogramms los." Outokumpu-Chef Mika Seitovirta sprach von einer hervorragenden Vereinbarung für beide Unternehmen. Sein Konzern erziele dadurch jährliche Einsparungen von 225 bis 250 Millionen Euro.
Die ThyssenKrupp-Aktie legte um drei Prozent zu und war damit größter Gewinner im Dax. Die Outokumpu-Titel gaben in Helsinki über 13 Prozent nach. Auf den Kurs drückte die von den Finnen für die Transaktion angekündigte Kapitalerhöhung.
Durch den Zusammenschluss kommt die lange erwartete Konsolidierung der Edelstahlbranche in Gang: Inoxum und Outokumpu kommen rein rechnerisch auf einen gemeinsamen Umsatz von über zehn Milliarden Euro und rund 19.000 Beschäftigte. Zu den Wettbewerbern gehören die ArcelorMittal-Abspaltung Aperam und die spanische Arcerinox.
Der Deal muss noch von den Kartellbehörden freigegeben werden. Eine breite Zustimmung im Aufsichtsrat für Hiesingers Verkaufspläne am Nachmittag galt als sicher. Die Arbeitnehmervertreter hatten gedroht, ohne Zugeständnisse der Unternehmen die Verkaufspläne in dem Kontrollgremium abzulehnen. Auch der Verwaltungsrat von Outokumpu wollte sich am Nachmittag mit dem Deal befassen.
IG METALL: KEIN ERGEBNIS ZUM JUBELN
Outokumpu kündigte an, bis zu 850 Jobs in Deutschland zu streichen. ThyssenKrupp habe sich aber bereit erklärt, bis zu 600 Mitarbeitern andere Jobs im Konzern anzubieten. "Für die Mitarbeiter soll es sozialverträgliche Lösungen geben", sagte ein ThyssenKrupp-Sprecher. Eine bittere Pille müssen die Beschäftigten allerdings schlucken: Das Edelstahlwerk in Krefeld wird bis Ende 2013 geschlossen. Die Arbeitnehmervertreter standen jedoch unter dem Druck, ohne Vereinbarung mit Outokumpu mit leeren Händen da zu stehen. "Wir haben kein Ergebnis erreicht, das zum Jubeln Anlass bietet", sagte IG Metall-Vorstandsmitglied und ThyssenKrupp-Aufsichtratsvizechef Bertin Eichler. "Für die Beschäftigten und ihre Familien konnten wir aber Arbeitsplätze, Einkommen und Perspektiven absichern."
Hiesinger will nach den Milliardenabschreibungen auf neue Stahlwerke in Übersee das Technologiegeschäft stärken, in dem ThyssenKrupp unter anderem Aufzüge, Maschinen und U-Boote herstellt. Er hatte 2011 angekündigt, Unternehmen mit einem Umsatz von zehn Milliarden Euro abzustoßen. Hierzu gehören neben der Edelstahlsparte diverse Autozulieferer. Von den Plänen sind 35.000 der 180.000 Beschäftigten betroffen.
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