Künftiger RWE-Chef will Energieriesen Diät verpassen

Freitag, 24. Februar 2012, 14:41 Uhr
 

Essen (Reuters) - Der nach der Atomwende angeschlagene Energieriese RWE soll unter dem neuen Chef Peter Terium schlanker, grüner und wendiger werden.

Vor der im Juli geplanten Übernahme des Führungspostens von Jürgen Großmann schlägt der Niederländer bereits erste Pflöcke seiner Strategie ein. "Wir werden substanzielle Desinvestments sehen", kündigte der 48-Jährige vor Journalisten an. Die Zeit der Großinvestitionen sei vorbei. Das Geschäft mit Ökostrom will er vorantreiben, Partnerschaften mit Stadtwerken ausbauen und die Organisation straffen. Die rund 72.000 Beschäftigen müssen sich auf ein weiteres Sparprogramm einstellen. Doch auch dabei setzt der Manager auf Teamarbeit. Veränderungen solle es nur gemeinsam mit den Mitarbeitern geben.

"Wir haben einige Jahre mehr investiert, als uns als Cash Flow zufloss. Wir müssen jetzt wieder zur einer stärken Ausgabendisziplin zurückfinden", betont Terium. Als Kritik will er das aber nicht verstanden wissen. Die hohen Investitionen in Kraftwerke und Netze seien notwendig gewesen. Einige Milliarden Euro hat auch er in die Hand genommen. Terium war es, der 2009 die acht Milliarden Euro teure Übernahme des niederländischen Versorgers Essent einfädelte, an dessen Spitze er später stand.

RWE TREIBT VERKAUF VON UNTERNEHMENSTEILEN VORAN

Während die Welt vor drei Jahren für Versorger wie RWE und E.ON noch in Ordnung war, hat sich das Bild mittlerweile dramatisch verändert. "Die Energiewende wird kein Strandspaziergang", betont Terium. Wegen des beschleunigten Atomausstiegs nach der Katastrophe in Fukushima muss RWE mit der Stilllegung des AKW Biblis auf einen Gewinnbringer verzichten. Das Gasgeschäft leidet unter der Überversorgung in Europa und teuren Langfristverträgen mit Lieferanten wie Gazprom. Bei der Vorlage der Bilanz 2011 am 6. März dürfte RWE einen deutlichen Gewinnrückgang präsentieren. Allein das für die Dividende entscheidende nachhaltige Nettoergebnis soll um 35 Prozent sinken.

Auf RWE lasten zudem Nettoschulden von über 30 Milliarden Euro. Ratingagenturen haben die Kreditwürdigkeit heruntergestuft. Terium kündigte an, Geschäfte abzustoßen. "Es sieht so aus, als ob der Verkauf von Unternehmensanteilen unter Terium zügig angegangen wird, das wäre natürlich positiv", sagte ein Händler. Um jeden Preis will Terium aber keine Geschäfte abgeben. Bei der geplanten Zielgröße bis Ende 2013 bleibe es. "Es wird nicht über elf Milliarden Euro hinausgehen."

Der Konzern hat diverse Geschäfte zur Disposition gestellt. Hierzu gehören Anteile an kommunalen Versorgern wie der hessischen Süwag, der Kevag aus Koblenz, den Berliner Wasserbetrieben und der Öl- und Gasfördertochter RWE Dea. 19 von 69 Prozent seiner Anteile an dem saarländischen Versorger VSE will RWE an das Land und Stadtwerke aus der Region verkaufen, wie eine Konzernsprecherin am Freitag bestätigte. Nach Angaben der saarländischen Staatskanzlei beträgt der Preis 85,9 Millionen Euro. Weit mehr könnte RWE für seine tschechische Gasnetztochter NET4GAS kassieren, die der Konzern bis Ende 2012 abstoßen will.

VERHANDLUNGEN ÜBER BESCHÄFTIGUNGSPAKT GEPLANT

Nach einem Reuters vorliegenden Strategiepapier will Terium 2013 und 2014 insgesamt eine Milliarde Euro zusätzlich einsparen. "Was das für die Belegschaft bedeutet, können wir jetzt noch nicht sagen, dazu ist es zu früh", sagte er nun. In den kommenden Jahren will RWE ohnehin rund 8000 der 72.000 Arbeitsplätze abbauen - auch durch die Verkäufe. Die Arbeitnehmervertreter in Deutschland wollen den bis Ende 2012 gültigen Verzicht auf betriebsbedingte Kündigungen verlängern. "Es ist vereinbart, dass wir im zweiten Quartal mit Verhandlungen beginnen", kündigte Terium an.

Im Gegensatz zu E.ON strebt RWE auch unter dem neuen Chef nicht in ferne Länder. Zwar wolle der Konzern seine Stärke auch außerhalb Deutschlands ausspielen. "Aber unser Heimatmarkt bleibt Deutschland." Er kenne kein international erfolgreiches Unternehmen, das nicht auch auf seinem Heimatmarkt stark sei. "Wir haben nicht die Ambitionen nach Südamerika, China oder Indien zu gehen." E.ON-Chef Johannes Teyssen hatte kürzlich den Einstieg in Brasilien angekündigt. Stattdessen will Terium Kooperationen mit Stadtwerken ausbauen. "Das sind genau die Partnerschaften, die wir suchen. Eine Fusion mit einem anderen Versorger schließt er nicht aus. "Sie wird aber nicht in naher Zukunft kommen", sagte er der "Süddeutschen Zeitung". "Wir wollen das nicht als Getriebene machen, sondern nur aus einer Position der Stärke."

 
A street leads towards the nuclear power plant of German energy company RWE in Biblis, southwest Germany, March 22, 2011.  REUTERS/Kai Pfaffenbach (GERMANY - Tags: ENVIRONMENT)