TOP-THEMA-Finanzmärkte fürchten politisches Vakuum in Athen

Dienstag, 8. Mai 2012, 19:36 Uhr
 

Frankfurt (Reuters) - Aus Furcht vor einem politischen Chaos in Griechenland haben die Anleger am Dienstag den Finanzmärkten den Rücken gekehrt.

Vor allem die Äußerungen aus den Reihen des griechischen Linksbündnisses, das sich an der Regierungsbildung in Athen versucht, sorgten für Nervosität. Linken-Chef Alexis Tsipras erklärte die Zusagen Griechenlands zum milliardenschweren Rettungspaket für "null und nichtig". Seine Drohung, die Banken zu verstaatlichen, trieb manchem Anleger die Schweißperlen auf die Stirn.

Der Dax schloss 1,9 Prozent niedriger bei 6444,74 Punkten. Wie schon am Vortag blieben die Umsätze mit knapp unter drei Milliarden Euro aber dünn. Der EuroStoxx50 sank um 2,1 Prozent auf 2234 Zähler. Auch an den US-Börsen ging es deutlich bergab: Der Dow-Jones-Index der Standardwerte notierte 1,3 Prozent im Minus bei 12.835 Punkten. Der breiter gefasste S&P-500 fiel um 1,4 Prozent auf 1350 Stellen. Der Index der Technologiebörse Nasdaq ging um 1,6 Prozent auf 2909 Zähler nach unten.

Am Rohstoff- und Devisenmarkt sah es nicht viel besser aus: Der Euro sackte zeitweise unter die Marke von 1,30 Dollar, der Preis für die Öl-Sorte Brent verbilligte sich um zwei Prozent auf 111 Dollar pro Barrel. Selbst um das einst als sicherer Anlagehafen geltende Gold machten Investoren einen Bogen. Der Preis für die Feinunze des Edelmetalls fiel um 2,5 Prozent auf 1597 Dollar.

Anleger steckten ihr Geld lieber in Bundesanleihen, obwohl die Rendite mit aktuell 1,53 Prozent immer magerer ausfällt. Der Bund-Future erreichte mit 142,64 Punkten erneut ein Rekordhoch.

Ob das nun mit der Regierungsbildung beauftragte Linksbündnis in Athen eine handlungsfähige Koalition zustandebringt, ist fraglich. "Griechenland ist derzeit unregierbar, deshalb wird sich die Hängepartie womöglich bis zu möglichen Neuwahlen hinziehen", sagte ein Händler. Die konservative Partei Neue Demokratie, die bei den Wahlen am Sonntag stärkste Kraft geworden war, hatte ihr Mandat zur Bildung einer Koalition zurückgegeben. "Die Angst, dass Griechenland sich nicht an die Sparzusagen halten wird, ist mit den Aussagen von Tsipras noch einmal größer geworden", sagte ein Händler. Angesichts der vielen Unsicherheiten nach dem Wahlausgang werde jede Bemerkung auf die Goldwaage gelegt. "Der Markt ist sehr nervös."

Zu den Verlierern im Dax zählten die Finanzwerte, die immer sehr sensibel auf Nachrichten rund um das Thema Schuldenkrise reagieren. Die Commerzbank und die Deutsche Bank gaben um 3,4 und 2,5 Prozent nach. Der europäische Bankenindex verlor 1,8 Prozent, der griechische 9,7 Prozent.

AUCH AUTOBRANCHE BEKOMMT SCHULDENKRISE ZU SPÜREN

Auf der Verlierseite standen zudem Infineon mit einem Abschlag von vier Prozent weit oben. Auch BMW sackte um 3,9 Prozent ab, VW um 2,3 Prozent. Die beiden Autobauer wuchsen zuletzt wegen der Schuldenkrise in Südeuropa langsamer. Die Kernmarke VW schlug bis April in Westeuropa (ohne Deutschland) um fünf Prozent weniger von ihren Wagen los als vor Jahresfrist. Ein Händler sagte, dass die Zahlen der Autobauer auch Infineon belasteten. Gleiches gelte für den Anlagenbauer Dürr, dessen Aktien im MDax mit einem Minus von 7,2 Prozent die größten Verlierer waren. Dürr stellt unter anderem Lackieranlagen für Autobauer her.

XETRA-HANDEL ÜBER EINE STUNDE SPÄTER GESTARTET

Aufgrund eines technischen Problems bei der Deutschen Börse war der Dax erst mit einer Verspätung von mehr als einer Stunde in den Xetra-Handel gestartet. Ein Sprecher des Frankfurter Börsenbetreibers sprach von einem "Hardware-Fehler". Den letzten Ausfall auf Xetra hatte es im November 2007 gegeben. Damals war das System ebenfalls gut eine Stunde lahmgelegt.