Hochspannung pur - US-Wahl steuert auf Fotofinish zu

Sonntag, 4. November 2012, 14:49 Uhr
 

Berlin/Washington (Reuters) - Barack Obama kann sich entspannt zurücklehnen. Bei der US-Präsidentenwahl am kommenden Dienstag hat sein Herausforderer Mitt Romney keine Chance.

Allerdings gilt das nur, wenn in Deutschland abgestimmt würde. Hierzulande könnte sich Obama Umfragen zufolge auf einen Triumph einstellen. Doch in seiner Heimat ist das völlig anders. Dort liegen der Demokrat und der Republikaner seit Wochen Kopf an Kopf. Es dürfte einer der spannendsten Wahlabende in der Geschichte der USA werden.

Die Welle der Begeisterung, die Obama vor vier Jahren weltweit begleitete und als ersten Afroamerikaner ins Weiße Haus trug, ist verpufft. Nahezu verblasst ist die Erinnerung an die griffigen Kampagnenslogans "Hope" und "Change" oder "Yes we can". Stattdessen spürt man die Ernüchterung und Enttäuschung darüber, dass der zum Messias hochgejubelte Hoffnungsträger von 2008 im Amt ergraut nur wenige seiner Versprechen erfüllt hat und es nicht schaffte, das Ruder in der schwersten Wirtschaftskrise seit der Großen Depression von 1929 entscheidend rumzureißen.

Der 51-Jährige mag noch so oft darauf verweisen, dass er den Irak-Krieg beendete, den Abzug aus Afghanistan einleitete und unter seiner Führung der Erzfeind Osama bin Laden getötet wurde. Die Wirtschafslage bleibt Obamas verwundbarste Stelle. Auch wenn er mit milliardenschweren staatlichen Hilfen Banken, Versicherer und große Autokonzerne wie GM vor dem Zusammenbruch bewahrte - Millionen Amerikaner müssen trotzdem weiter um ihre Jobs und noch nicht abbezahlte Häuser bangen. Zuletzt entstanden zwar unerwartet viele neue Stellen. Doch die Arbeitslosenquote pendelt weiter um die Marke von acht Prozent - für US-Verhältnisse ein extrem hoher Wert.

Genau hier sieht Romney seine Chance. Gebetsmühlenartig verweist er auf seine Wirtschaftskompetenz, die er sich als Unternehmer und Mitbegründer der Investment-Gesellschaft Bain Capital erworben hat. Wie 2002 bei den Olympischen Winterspielen in Salt Lake City will der Mormone als Krisenmanager die weltgrößte Volkswirtschaft wieder auf Kurs bringen. Niedrigere Steuern sollen den Konsum ankurbeln, radikale Kürzungen bei den Staatausgaben das Haushaltsdefizit bändigen.

GESPALTENES LAND

Obama sagt, Romneys vage Ideen seien nichts anderes als ein Zitat der Politik des bislang letzten Republikaners im Weißen Haus, George W. Bush. Und die habe den USA das Schlamassel, in dem sie steckten, maßgeblich miteingebrockt. Vier Jahre reichten nicht aus, um diese Fehler auszumerzen. Deshalb brauche er mehr Zeit. Mehr Zeit, um die Wirtschaft wieder fitzumachen, aber auch, um andere ambitionierte Vorhaben endlich anzugehen: wie etwa das Einwanderungsrecht zu reformieren, den Kampf gegen den Klimawandel zu intensivieren und vielleicht doch noch das Gefangenenlager Guantanamo zu schließen.

Seine Gegner sagen, Obama habe den Schwerpunkt als Präsident völlig falsch gelegt. Statt sich ganz auf die Finanz- und Wirtschaftskrise zu konzentrieren, habe er allein zwei Jahre damit vertan, das Gesundheitswesen umzubauen. Die Mammutreform mit einer Pflichtversicherung für alle US-Bürger als Herzstück entzweit die Amerikaner wie kaum ein anderes politisches Projekt - und war neben der immensen Staatsverschuldung eine Initialzündung für die Tea Party, eine der radikalsten konservativen Bewegungen gegen zu viel Einfluss des Staats.

Obama war angetreten, eine unter Bush auseinandergerückte Nation wieder zu einen. Doch die Gräben sind so tief wie selten zu vor. Obama-Gegner fürchten, der Präsident wolle die freie Marktwirtschaft gegen Sozialismus tauschen. Romney sagt, er werde die Gesundheitsreform wieder abschaffen und die USA zu alter Stärke zurückführen. Das Obama-Lager sagt, mit Romney würden die USA einen Präsidenten bekommen, der in erster Linie einer reichen Elite dienen werde und keine Ahnung davon habe, was für weniger wohlhabenden Menschen wichtig sei.

Der 65-jährige Multimillionär selbst lieferte für dieses Argument die Steilvorlage, als er auf einer exklusiven Spendengala 47 Prozent der Amerikaner quasi als Sozialschmarotzer abtat. Doch entscheidend ausnutzen konnte Obama diesen Patzer nicht. Romney gelang es sogar, sein Image vom politischen Wendehals und hölzernen, roboterhaft ewig lächelnden Kandidaten etwas abzuschütteln - und gerade in den vergangenen Wochen viel Boden gutzumachen. In etwa zehn von 50 Bundesstaaten ist das Rennen völlig offen. Meinungsforscher sehen allerdings in einigen der wichtigsten Swing States minimale Vorteile für Obama, darunter auch in Ohio. Noch nie hat ein Republikaner die Präsidentenwahl gewonnen ohne einen Sieg in Ohio. "Aber eingetütet ist noch nichts", sagt die Demoskopin Julia Clark vom Ipsos-Institut. Die Wahl "steht auf Messers Schneide".

 
Supporters of U.S. President Barack Obama cheer during his remarks at a campaign rally in Bristow, Virginia, November 3, 2012 REUTERS/Jason Reed