Commerzbank umschmeichelt Kunden - Börse reagiert kühl

Donnerstag, 8. November 2012, 16:19 Uhr
 

Frankfurt (Reuters) - Der Befreiungsschlag bleibt aus. Der lang erwartete Umbau des Privatkunden-Geschäfts wird die Commerzbank und ihre Mitarbeiter vier Jahre lang in Atem halten - doch an der Börse fielen die Pläne am Donnerstag durch.

"Auch die nächsten Jahre werden hart und aufregend", sagte Vorstandschef Martin Blessing in Frankfurt. "Es wird sicher noch Rückschläge geben." Zwei Milliarden Euro will die zweitgrößte deutsche Bank investieren, um das Kerngeschäft auf Vordermann zu bringen und eine Million neue Kunden in die Filialen zu locken. Dafür sollen die Kosten bis 2016 um eine Milliarde Euro sinken. Sie werden zu einem Stellenabbau unter den 56.000 Mitarbeitern führen, über den noch verhandelt wird. Zuletzt war über die Streichung von bis zu 6000 Arbeitsplätzen spekuliert worden.

Das Privatkundengeschäft, das im dritten Quartal nur noch 41 Millionen Euro verdiente, steht im Zentrum der neuen Strategie. "Der Umbau wird die Bank nachhaltig verändern", sagte Vorstand Martin Zielke. Online-Banking und die Filialen sollen künftig gleichberechtigt nebeneinander stehen. Die Commerzbank werde keinen Standort schließen, doch sollen sich die 1200 Filialen stärker spezialisieren. Mit besserer Technik und neuen Produkten will die Bank Kunden locken. Doch Zielke rechnet erst in zwei Jahren mit sichtbaren Erfolgen. 2013 werde die Sparte sogar in die roten Zahlen rutschen. "Kosten reduzieren allein reicht nicht. Wir brauchen mehr Erträge", sagte Zielke.

Doch auch in vier Jahren wird die Commerzbank wegen milliardenschwerer Altlasten nur auf eine Eigenkapitalrendite von netto rund acht Prozent kommen, wie Blessing einräumte. Die Kapitalkosten liegen in der Branche im Schnitt bei neun Prozent. Im Kerngeschäft sollen zehn Prozent übrigbleiben. Branchenprimus Deutsche Bank peilt 2015 zwölf Prozent an. "Unser Ziel passt zur neuen Wirklichkeit, da die Renditen im Bankensektor insgesamt mittelfristig dramatisch sinken werden", verteidigte sich Blessing. Die Branche stecke in einer Vertrauenskrise.

ANALYSTEN: PLÄNE UNAMBITIONIERT

Doch Experten halten das Ziel für wenig ambitioniert. Dirk Becker von Kepler Capital Markets sagte, die zehn Prozent erreiche die Bank schon jetzt. Auch an der Börse floppten die Pläne: Die Commerzbank-Aktie gab um 4,6 Prozent auf 1,44 Euro nach und war damit größter Verlierer im Leitindex Dax.

Im dritten Quartal stand nur ein Gewinn von 78 Millionen Euro nach Anteilen Dritter zu Buche. Der Abbau der Portfolien in der eigenen "Bad Bank" brachte fast eine halbe Milliarde Euro Verlust. Weil der Vorstand mit steigenden Kreditausfällen rechnet, dürfte im vierten Quartal noch weniger übrigbleiben.

Dennoch soll der Staat als Großaktionär 2012 erstmals 150 Millionen Euro Zinsen auf seine Stille Einlage bekommen. Vorrang hat aber ein dickes Kapitalpolster: Nach dem Standard von Basel III will die Bank bis Ende 2015 neun Prozent hartes Kernkapital schaffen. Zurzeit sind es 7,5 Prozent. Frühestens 2014 können die Aktionäre wieder mit einer Dividende rechnen.

Nach der Fusion mit der Dresdner Bank vor vier Jahren hatte die Commerzbank für 2012 vier Milliarden Euro Gewinn vor Steuern in Aussicht gestellt. Allein die elf Millionen Filialkunden sollten eine Milliarde Euro beisteuern. "Wir waren im Privatkundengeschäft zu einseitig aufgestellt und damit in der Finanzkrise zu anfällig", entschuldigte Blessing. Nun stellt Privatkunden-Vorstand Zielke eine halbe Milliarde in Aussicht - für 2016.   Fortsetzung...