Rücktritt von CIA-Chef löst wilde Spekulationen aus

Sonntag, 11. November 2012, 15:21 Uhr
 

Washington (Reuters) - Der überraschende Rücktritt von CIA-Chef David Petraeus nur wenige Tage nach der Wiederwahl von US-Präsident Barack Obama hat wilde Spekulationen über die wahren Gründe seines Abgangs ausgelöst.

Zwar führte Petraeus in einem Brief an seine Mitarbeiter eine außereheliche Affäre an. Doch eine Verwicklung des Inlandsgeheimdiensts FBI und die zeitliche Nähe zur Präsidentenwahl warfen am Wochenende zahlreiche Fragen auf. So zogen die Republikaner in Zweifel, ob Obama erst nach der Wahl über die Petraeus-Affäre informiert wurde. Zudem wurde über einen Zusammenhang mit dem tödlichen Anschlag auf den US-Botschafter in Libyen am 11. September spekuliert, bei dem der Auslandsgeheimdienst keine gute Figur abgegeben hatte. Licht ins Dunkel soll nun der Kongress bringen. Die Untersuchungen könnten für Obama und seinen Stab noch Ungemach bringen.

Petraeus hatte erst im September vergangenen Jahres das Amt des CIA-Chefs von Leon Panetta übernommen, der an die Spitze des Verteidigungsministeriums wechselte. Zuvor kommandierte Petraeus unter anderem die US-Soldaten im Irak und später die Isaf-Truppen in Afghanistan. Nach seiner Ernennung zum CIA-Chef war gemutmaßt worden, dass Obama damit eine mögliche Kandidatur des populären Vier-Sterne-Generals für das gegnerische Lager der Republikaner verhindern habe wollen. Dies würde zumindest eine zusätzliche Erklärung dafür liefern, warum Obama Petraeus nun nur wenige Tage nach der Wahl aus dem Amt entließ. In US-Regierungskreisen wurde ein solcher Zusammenhang aber ebenso zurückgewiesen wie die Vermutungen zum Libyen-Hintergrund.

"VERHALTEN IST INAKZEPTABEL"

In dem Brief an die CIA-Mitarbeiter hatte der verheiratete Petraeus am Freitagabend seinen Rücktritt mit der Beziehung zu einer anderen Frau erklärt. "Nachdem ich 37 Jahre verheiratet bin, habe ich äußerst schlechtes Urteilsvermögen bewiesen, indem ich mich auf eine außereheliche Affäre eingelassen habe", erklärte Petraeus in dem Rundschreiben. "Ein solches Verhalten ist inakzeptabel - und zwar als Ehemann und als Anführer einer Organisation wie der unseren." Bei der CIA gibt es allerdings keinen klaren Verhaltenskodex, der für einen solchen Fall einen Rücktritt vorsieht. So wurde in Sicherheitskreisen darauf hingewiesen, dass vergleichbare Fälle in der Vergangenheit beim Geheimdienst meist diskret im Hintergrund geklärt worden seien.

Obama nahm das Rücktrittsgesuch gleichwohl an und ernannte den bisherigen Stellvertreter Michael Morell bis auf weiteres zum Leiter der Central Intelligence Agency. "Ich bin vollkommen zuversichtlich, dass die CIA weiterhin gedeihen und ihre wichtige Aufgabe erfüllen wird", betonte Obama. Zugleich lobte er Petraeus als einen der herausragendsten Generäle seiner Generation. Mit seinen Gedanken und Gebeten sei er nun bei Petraeus und dessen Frau, fügte der Präsident hinzu. "Ich wünsche ihnen nur das Beste in diesem schwierigen Moment."

GELIEBTE SCHRIEB PETRAEUS-BIOGRAFIE

Bei der Geliebten von Petraeus soll es sich um die 20 Jahre jüngere Elitesoldatin und Autorin Paula Broadwell handeln, die eine Biografie über Petraeus geschrieben hat. Broadwell war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen. Aus Sicherheitskreisen verlautete, der Inlandsgeheimdienst FBI sei vor einigen Monaten auf die Beziehung zwischen Petraeus und Broadwell gestoßen.

Auslöser dieser FBI-Ermittlungen war die Anzeige einer Frau aus dem nahen Umfeld von Petraeus, wie die Nachrichtenagentur Reuters aus Kreisen der Ermittlungs- und Sicherheitsbehörden erfuhr. Die Frau habe sich durch E-Mails von Broadwell bedroht gefühlt und deshalb das FBI eingeschaltet. Ihre Identität blieb unklar. Weder FBI noch CIA wollten sich zu dem Fall äußern.

Mit dem Rücktritt des CIA-Chefs muss Obama nun gleich mehrere Spitzenpositionen im Sicherheitsapparat neu besetzen. So hatte Außenministerin Hillary Clinton schon vor der Wahl deutlich gemacht, dass sie keine zweite Amtszeit anstrebt. Der Ehefrau von Ex-Präsident Bill Clinton werden Ambitionen auf eine eigene Präsidentschaftskandidatur in vier Jahren nachgesagt. Zudem wird damit gerechnet, dass Verteidigungsminister Panetta sein Amt aufgeben will.

- von Mark Hosenball und Tabassum Zakaria

 
Director of the Central Intelligence Agency David Petraeus is seen in the East Room of the White House in Washington May 31, 2012. REUTERS/Larry Downing (UNITED STATES - Tags: POLITICS)