Rezessionsfurcht der Finanzprofis nimmt zu

Dienstag, 13. November 2012, 13:33 Uhr
 

Berlin/Mannheim (Reuters) - Die heraufziehende Rezession in der Euro-Zone droht nach Ansicht von Börsenprofis auch die deutsche Wirtschaft in den Abwärtsstrudel zu reißen.

Das ZEW-Barometer für die Entwicklung der Konjunktur in den kommenden sechs Monaten fiel im November überraschend um 4,2 auf minus 15,7 Punkte. Damit trübte sich die Stimmung erstmals seit August wieder ein, wie das Mannheimer Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) am Dienstag zu seiner Umfrage unter Anlegern und Analysten mit. Von Reuters befragte Ökonomen hatten im Schnitt eine Verbesserung auf minus 9,8 Punkte erwartet. Experten rätseln nun, ob Deutschland die Talsohle erreicht hat oder im Winter in die Rezession rutscht.

ZEW-Chef Wolfgang Franz warnt, dass "die rezessiven Entwicklungen" in Euroland auf die exportlastige deutsche Volkswirtschaft durchschlagen können: "Dies dürfte die Konjunktur in Deutschland in den nächsten sechs Monaten belasten." Experten sehen zudem die von EZB-Chef Mario Draghi geschürten Hoffnungen schwinden, dass die Staatsschuldenkrise durch die bloße Ankündigung von Notenbank-Interventionen am Anleihenmarkt schnell abebben wird: "Schlechte Konjunkturdaten und die immer noch ausstehende Lösung in Griechenland und Spanien haben diese Hoffnung vorerst zunichte gemacht", so Commerzbank-Volkswirtin Ulrike Rondorf.

In Reaktion auf die Hiobsbotschaft aus Mannheim gaben Euro und Dax nach. Die Gemeinschaftswährung fiel auf 1,2660 Dollar und markierte damit ein neues Zwei-Monats-Tief. Der Dax verdoppelte seine Kursverluste und lag 0,8 Prozent niedriger bei 7113 Zählern.

"WACHSTUMSDELLE TIEFER ALS BISLANG GEDACHT"

Auch die Lage bewerteten die von dem Mannheimer Forschern befragten Experten schlechter als im Vormonat: Dieses Barometer fiel um 4,6 auf 5,4 Punkte. Zuletzt hat sich das Konjunkturbild deutlich eingetrübt: Industrieaufträge, Produktion und Exporte waren ebenfalls überraschend deutlich gefallen. Für die am Donnerstag anstehenden Zahlen zum Bruttoinlandsprodukt für das abgelaufene dritte Quartal erwarten von Reuters befragte Ökonomen nur noch ein Mini-Wachstum von 0,2 Prozent. Im vierten Quartal könnte die Wirtschaftsleistung sogar erstmals seit Ende 2011 schrumpfen. Nach Einschätzung der von ZEW-Chef Franz geleiteten Wirtschaftsweisen ist damit aber die konjunkturelle Talsohle erreicht. Manche Bankenökonomen sind skeptischer: "Die Wahrscheinlichkeit, dass wir in den Wintermonaten in die Rezession rutschen, ist gestiegen", warnt BHF-Ökonom Uwe Angenendt. Der Blick auf die enttäuschende Entwicklung der Auftragseingänge lässt nach Ansicht von Bernd Hartmann von der VP Bank erahnen, dass "die Wirtschaft doch in einer tieferen Wachstumsdelle steckt".

Auf die Konjunktur in der Euro-Zone, die mit den am Donnerstag anstehenden Wachstumszahlen für das vierte Quartal in die Rezession rutschen dürfte, blicken die vom ZEW befragen 263 Analysten ebenfalls skeptisch. Das entsprechende ZEW-Barometer sank um 1,2 auf minus 2,6 Punkte. Von Reuters befragte Volkswirte erwarten, dass die Wirtschaft der Euro-Zone im Herbst ebenso wie bereits im Sommer um 0,2 Prozent geschrumpft sein dürfte. Volkswirte sprechen bei zwei Quartalen mit schrumpfender Wirtschaftsleistung in Folge von Rezession. Dies kann die deutschen Exporteure nicht kalt lassen: Rund 40 Prozent ihrer Ausfuhren landen dort.