Infineon kämpft mit Sparplan gegen Chipkrise

Mittwoch, 14. November 2012, 14:41 Uhr
 

München (Reuters) - Der bayerische Halbleiterkonzern Infineon will sich mit einem Sparprogramm gegen die aufkommende Krise in der Chipindustrie stemmen.

Angesichts trüber Aussichten für das neue Geschäftsjahr kündigte der neue Vorstandschef Reinhard Ploss am Mittwoch an, die Kosten um 100 Millionen Euro zu drücken. So werden der Personalstand eingefroren und unausgelastete Fertigungsanlagen zeitweise stillgelegt. Für gut 1100 Mitarbeiter in Deutschland hat der Chiphersteller Kurzarbeit angemeldet, Gehaltserhöhungen werden verschoben und weniger wichtige Entwicklungsprojekte eingestampft. Die Investitionen werden zudem um 100 Millionen Euro auf 400 Millionen zusammengestrichen. Die Aktionäre müssen aber nicht verzichten: Sie sollen wie im Vorjahr eine Dividende von zwölf Cent je Aktie bekommen.

Seine Stammbelegschaft von rund 26.000 Beschäftigten will Ploss schonen. "Wir planen in diesem Rahmen keine Entlassungen", sagte er. Die Zahl der Leiharbeiter werde zwar zurückgefahren, die Festangestellten wolle Infineon allerdings behalten, um für den nächsten Aufschwung in der stark zyklischen Chipindustrie gewappnet zu sein. Die Oberbayern haben in den vergangenen zwei Jahren einen Milliardenbetrag in den Ausbau und die Modernisierung ihrer Fertigung investiert, um Kapazitäten für Boomzeiten wie 2011 zu schaffen

PROFITABEL BLEIBEN - IN JEDEM FALL

Auf absehbare Zeit schaltet die einstige Siemens-Tochter nun allerdings erst mal auf Krisenmodus. "Der konjunkturelle Gegenwind wird stärker. Und wir sehen nicht, dass er schnell drehen wird", sagte Ploss. Schon im abgelaufenen Geschäftsjahr 2011/12 brach der Gewinn des Chipbauers aus fortgeführtem Geschäft binnen Jahresfrist um fast die Hälfte auf 432 Millionen Euro ein. Der Umsatz ging indes nur leicht auf 3,9 Milliarden Euro zurück. Das seit Oktober laufende neue Geschäftsjahr gibt Infineon-Chef Ploss wenig Anlass zur Hoffnung. Der Umsatz werde fünf bis neun Prozent schrumpfen, die operative Rendite mit fünf bis neun Prozent deutlich unter der langfristigen Zielmarke von 15 Prozent liegen. In die Zeiten, als Infineon einen Verlust an den anderen reihte, will Finanzchef Dominik Asam keinesfalls zurückfallen. "Unser Ziel ist es, in jedem Fall profitabel zu bleiben", sagte er. Unter Analysten kamen die Sparpläne gut an. "Unseres Erachtens überrascht die Größenordnung des Einsparungspotentials positiv", urteilte Steffen Manske von der National-Bank. Seine Kollegen von Goldman Sachs lobten den Sparplan, bedauerten aber, dass Ploss keinen "drastischen" Stellenabbau wagt. An der Börse legte die Infineon-Aktie um fünf Prozent zu und war damit größter Gewinner im Dax.

INDUSTRIEKUNDEN SCHEUEN INVESTITIONEN

Vor allem die erste Hälfte des Geschäftsjahres 2012/13 (zum Ende September) wird Ploss zufolge schwach ausfallen. Während sich das Geschäft mit Chips für Autos, Energie- und Sicherheitstechnik ganz gut halten werde, fielen die Einnahmen mit Komponenten für die Industrie deutlich, prognostizierte der seit sechs Wochen amtierende Manager. Er äußerte sich damit wesentlich skeptischer als der niederländische Rivale NXP, der am Dienstag Zuwächse für das kommende Jahr in Aussicht stellte.

Ausgerechnet Ausrüstungen für die lange gepriesenen erneuerbaren Energien laufen derzeit schlecht. Von der Kurzarbeit sei etwa das Gemeinschaftsunternehmen mit Siemens betroffen, das Komponenten für Windturbinen herstellt. Hingegen halte sich das Geschäft mit Autoelektronik gut, es gebe kaum Preiskampf, sagte Strategiechef Arunjai Mittal. Infineon beliefert hauptsächlich Oberklasse-Hersteller wie BMW und Audi, aber auch asiatische Massenhersteller wie Hyundai. Zudem steigt der Anteil von Chips in Fahrzeugen beständig an.

Die Chipbranche gilt wegen ihrer zahlreichen Basiskomponenten für eine breite Palette von Produkten von Computern über Fernseher bis zu Autos und Stromnetzen als Frühindikator für die wirtschaftliche Entwicklung. Im Herbst zeigten sich schon zahlreiche Halbleiterhersteller skeptisch über die Entwicklung in nächster Zeit. Der Absatzrückgang im PC-Bereich und die Investitionszurückhaltung der Industrie trieb vielen Managern die Sorgenfalten auf die Stirn. Mittlerweile wächst der Druck auf die Anbieter. Vor allem Hersteller von klassischen PC-Chips wie Intel blicken skeptisch in die Zukunft, weil der Trend zu mobilen Geräten wie Tablet-Rechner oder Smartphones das angestammte Geschäft untergräbt. Der kleinere Rivale AMD ist Insidern zufolge bereits so verzweifelt, dass er einen Verkauf von Patenten oder gleich der ganzen Firma erwägt. Andere Chipspezialisten profitieren hingegen massiv vom Wandel der Industrie. So sprudeln etwa beim britischen Halbleiterentwickler ARM oder der schwäbischen Dialog Semdiconductor die Gewinne.