Hamas tötet drei Israelis mit Raketenangriff

Donnerstag, 15. November 2012, 19:14 Uhr
 

Gaza (Reuters) - Ein Raketenangriff der radikal-islamischen Hamas hat am Donnerstag drei Israelis das Leben gekostet.

Sie waren die ersten Todesopfer auf Seiten des jüdischen Staates in den Gefechten, die sich zum offenen Krieg auszuweiten drohen. Israelische Kampfjets bombardierten weiter Ziele in und um Gaza-Stadt. Die Einschläge ließen die Hochhäuser schwanken, dicke Rauch- und Staubwolken standen über der Stadt. Die Hamas erklärte, sie habe eine eine Tonne schwere iranische Fadschr-5-Rakete auf Tel Aviv abgefeuert. Dies würde eine weitere Eskalation des Konflikts bedeuten, aber es gab keine Berichte über einen Treffer in der israelischen Metropole 50 Kilometer nördlich des Gaza-Streifens. Ägypten beantragte eine Sitzung des UN-Sicherheitsrates und forderte die USA auf zu intervenieren, um den israelischen Angriff zu stoppen.

Israel hatte am Mittwoch den Militärchef der Hamas, Ahmed Al-Dschaabari, getötet und die palästinensische Enklave von Land, See und aus der Luft beschossen. Dabei wurden 13 Menschen getötet. Unter ihnen waren fünf militante Islamisten, drei Kinder und eine schwangere Frau. Mehr als 100 Menschen wurden verletzt. Die Eskalation im Nahen Osten belastete auch die Börsen.

Der israelische Raketen-Schutzschirm "Iron Dome" schoss am zweiten Tag der Kampfhandlungen rund 130 Raketen aus dem Gaza-Streifen ab. Ein Geschoss durchbrach jedoch das Schutzschild und tötete die drei Israelis, ehe sie sich in Schutzbunkern in Sicherheit bringen konnten, die es überall in der Negev-Wüste gibt. Die Region wurde in den vergangenen fünf Jahren immer wieder aus dem Gaza-Streifen beschossen. Dieses Mal sei die Rakete in Kirjat Malatschi etwa 25 Kilometer nördlich des Gaza-Streifens eingeschlagen.

Israels Erzfeind Iran, der die Hamas bewaffnet und unterstützt, verurteilte die Offensive der israelischen Armee als "organisierten Terrorismus". Israel selbst war mehr besorgt über den Nachbarn Ägypten, dessen neue islamistische Regierung erst am Dienstag einen Waffenstillstand zwischen beiden Seiten ausgehandelt hatte. Nur einen Tag später tötete Israel den Militärchef der Hamas. Bei Dschaabaris Begräbnis am Donnerstag schossen seine Anhänger in die Luft, um die Nachricht von den Toten auf israelischer Seite zu feiern. "Du hast gewonnen", riefen sie dem toten Islamisten zu. Die Hamas ist ein Ableger der Muslimbrüder, die inzwischen in Ägypten herrschen - dem einflussreichsten arabischen Nachbarstaat Israels und entscheidenden Partner im ersten Friedensvertrag von 1979.

Der ägyptische Präsident Mohammed Mursi sicherte den Palästinensern im Gaza-Streifen Solidarität zu. "Wir stehen an der Seite der Palästinenser, um die israelische Aggression in Gaza zu stoppen", sagte er. Israel müsse begreifen, dass "diese Aggression inakzeptabel ist und nur zu Instabilität in der Region führt." Zugleich kündigte Mursi eine Krisensitzung des ägyptischen Kabinetts einschließlich des Verteidigungsministers an. Mursi erklärte, er habe auch mit US-Präsident Barack Obama über den Konflikt gesprochen. Die Regierung in Kairo hat ihren Botschafter aus Israel abberufen.

Zudem beantragte Ägypten eine Dringlichkeitssitzung des UN-Sicherheitsrates, da Israel mit der Offensive internationales Recht gebrochen habe. Die Beziehungen zwischen Israel und Ägypten waren nie herzlich, nicht einmal, solange der US-Verbündete Husni Mubarak Präsident war. Das Verhältnis hat sich noch weiter abgekühlt, seit der Autokrat im vergangenen Jahr abgesetzt wurde und Islamisten die Macht übernahmen. Der UN-Sicherheitsrat hatte sich bereits am Mittwoch bei einer Krisensitzung mit dem Konflikt befasst.

Israel warnte die Hamas, dass alle ihre Männer Ziele seien. Kampfjets warfen Flugblätter ab, die die Bewohner des Gaza-Streifens aufforderten, sich von Hamas-Kämpfern und Einrichtungen der Organisation fernzuhalten. Die USA verurteilten die Hamas. "Es gibt keine Rechtfertigung für die Gewalt, die die Hamas und andere terroristische Organisationen dem israelischen Volk antun", sagte ein Sprecher des US-Außenministeriums.

Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu, der als Favorit bei der Wahl im Januar gilt, hatte am Mittwoch gedroht, die Offensive könnte ausgeweitet werden. Israel hat nach eigenen Angaben bereits einen Großteil der Raketen mit größerer Reichweite zerstört, die im Gaza-Streifen gelagert wurden. Die Eskalation an Israels südlicher Front kam in einer Woche, in der Israel bereits syrische Artillerie beschossen hatte. Die Syrer hätten zuvor auf die von Israel besetzten Golan-Höhen gefeuert, erklärte Israel.

Ein zweiter Gaza-Krieg hatte sich bereits seit Monaten abgezeichnet, da der gegenseitige Beschuss immer intensiver wurde. Der Gaza-Krieg 2008/2009 begann mit einer einwöchigen Offensive, in der Israel den Gaza-Streifen aus der Luft bombardierte und vom Boden beschoss. Dann folgte die Invasion mit Bodentruppen. Rund 1400 Palästinenser und 13 Israelis wurden bei der sogenannten "Operation gegossenes Blei" getötet.

Die Hamas hatte sich zuletzt durch den Machtgewinn der Islamisten in Ägypten ermutigt gesehen. Sie betrachtet Präsident Mursi als Sicherheitsnetz, das einen zweiten Gaza-Krieg verhindern wird. Im Gaza-Streifen leben rund 1,7 Millionen Palästinenser, unter ihnen etwa 35.000 Kämpfer. Sie haben den F-16-Jets der Israelis, ihren Apache-Kampfhubschraubern, Merkava-Panzern und anderen modernen Waffensystemen allerdings nicht viel entgegenzusetzen.

 
Israelis take cover as a siren sounds warning of incoming rockets in the southern town of Kiryat Malachi November 15, 2012. REUTERS/Nir Elias (ISRAEL - Tags: POLITICS CIVIL UNREST)