Euro-Krise bringt deutschen Aufschwung zum Erliegen

Donnerstag, 15. November 2012, 14:35 Uhr
 

Berlin (Reuters) - Die Schuldenkrise bringt das deutsche Wachstum fast zum Erliegen.

Das Bruttoinlandsprodukt wuchs im dritten Quartal nur noch um 0,2 Prozent. Im Frühjahr waren es 0,3 Prozent, zu Jahresbeginn sogar noch 0,5 Prozent. Grund dafür: Die Unternehmen investieren weniger, weil die Aufträge wegen Euro-Krise und schwächerer Weltkonjunktur zurückgehen. Deutschland schlug sich aber besser als die Währungsunion, die um 0,1 Prozent schrumpfte und erstmals seit 2009 in die Rezession rutschte. Dieses Schicksal droht Experten zufolge aber auch Deutschland, weil es sich von der Krise nicht mehr länger abkoppeln kann.

Anlass zur Sorge geben vor allem die Unternehmen. Sie sparten bereits das vierte Quartal in Folge bei den Investitionen, teilte das Statistische Bundesamt am Donnerstag mit. "Das ist gewöhnlich ein Vorbote für eine Rezession", sagte der Direktor des gewerkschaftsnahen Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK), Gustav Horn. Die Wahrscheinlichkeit, dass die deutsche Wirtschaft zwei Quartale in Folge oder sogar länger schrumpft, liegt nach IMK-Berechnungen inzwischen bei fast 60 Prozent. Die Bundesregierung ist ebenfalls vorsichtig. "Die Lösung der Staatsschuldenkrise wird viel Zeit in Anspruch nehmen", sagte Wirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP). "Daher gehen wir in der näheren Zukunft von einer verlangsamten konjunkturellen Entwicklung in Deutschland aus."

ERST MITTE 2013 WIEDER WACHSTUM?

Auch Bankenökonomen rechnen inzwischen mehrheitlich damit, dass es im laufenden vierten Quartal ein Minus geben wird. "Ich erwarte, dass die deutsche Wirtschaft erst Mitte nächsten Jahres zu ordentlichen Zuwachsraten zurückkehrt", sagte Commerzbank-Chefvolkswirt Krämer. "Das basiert allerdings auf der Annahme, dass die EZB das Risiko eines Zerfalls der Währungsunion mit den Notenpresse bannt - also durch den Kauf von Staatsanleihen frisches Geld in die Wirtschaft pumpt."

Für positive Impulse sorgte im Sommer nach Angaben der Statistiker die Auslandsnachfrage: "Nach vorläufigen Berechnungen stiegen die Exporte von Waren und Dienstleistungen etwas stärker als die Importe". Aus dem Inland kamen gemischte Signale. Die Verbraucher konsumierten angesichts steigender Löhne und geringer Arbeitslosigkeit mehr. Auch der Staat nahm mehr Geld in die Hand, die Bauausgaben legten angesichts niedriger Zinsen zu. Dagegen investierten die Unternehmen weniger in Maschinen und Fahrzeuge. "Wer nicht abschätzen kann, ob seine heute getätigten Investitionsausgaben morgen und übermorgen die zur Finanzierung notwendigen Erträge bringen, wartet erst einmal ab", begründete DekaBank-Experte Andreas Scheuerle. So strich der Halbleiterkonzern Infineon seine Investitionen um 100 Millionen Euro zusammen. Der größte deutsche Energiekonzern E.ON stellt seine Ausgaben auf den Prüfstand.

TRÜBE AUSSICHTEN

Verglichen mit anderen Euro-Ländern steht Deutschland noch gut da. In Portugal brach das Bruttoinlandsprodukt um 0,8 Prozent ein, in den Niederlanden sogar um 1,1 Prozent. Auch in Spanien, Italien und Griechenland legte die Wirtschaft den Rückwärtsgang ein - ebenso wie die Euro-Zone insgesamt. "Dieser Rückfall in die Rezession ist hausgemacht", sagte Ökonom Paul de Grauwe von der London School of Economics. "Das ist das Ergebnis übertriebener Sparmaßnahmen in den südlichen Ländern und dem Unwillen der nördlichen Länder, etwas anderes zu tun." Frankreich - der wichtigste deutsche Handelspartner - schaffte dagegen ein Wachstum von 0,2 Prozent, dürfte aber nach Prognose der Notenbank erneut schrumpfen.

Da es auch in den USA und großen Schwellenländern wie China nicht mehr rund läuft, verdüstern sich die Aussichten für die exportabhängige deutsche Wirtschaft. Im September brachen die Industrieaufträge mit 3,3 Prozent so kräftig ein wie seit einem Jahr nicht mehr, weil vor allem die Nachfrage aus der rezessionsgeplagten Euro-Zone stark nachlässt. Die Exporte fielen zum ersten Mal seit dem Krisenjahr 2009. Die Stimmung in der Wirtschaft ist deshalb so schlecht wie seit Februar 2010 nicht mehr, ergab die monatliche Umfrage unter 7000 Managern des Ifo-Instituts. Selbst am bislang so robusten Arbeitsmarkt zeigen sich erste Bremsspuren: Im Oktober stieg die Zahl der Arbeitslosen erstmals seit zweieinhalb Jahren.   Fortsetzung...

 
Taxis line the Strasse des 17. Juni thoroughfare in central Berlin during a strike by taxi drivers against new tariffs for journeys to and from Berlin's new international airport, April 23, 2012. In background is the Siegessaeule (victory column). REUTERS/Thomas Peter (GERMANY - Tags: CIVIL UNREST BUSINESS EMPLOYMENT TPX IMAGES OF THE DAY)