Air Berlin wird bei Konzernsanierung radikaler

Donnerstag, 15. November 2012, 14:39 Uhr
 

Frankfurt (Reuters) - Air Berlin bereitet seine gut 9000 Mitarbeiter auf harte Schritte vor und fängt an, sein Tafelsilber zu verkaufen.

"Wir werden an schwierigen Maßnahmen nicht vorbeikommen", sagte Konzernchef Hartmut Mehdorn am Donnerstag mit Blick auf ein neues Umbauprogramm, das sich die Airline vor kurzem verordnete. Details will der Ex-Bahnchef erst Ende des Jahres verkünden, doch ließ er durchblicken, dass ein Jobabbau Teil der Pläne sein werde. "Wir müssen das mit den Tarifpartnern besprechen." Zum Bericht eines Nachrichtensenders, wonach das seit Jahren Verluste schreibende Unternehmen kommendes Jahr 900 Stellen streichen und damit gut ein Zehntel der Belegschaft vor die Tür setzen könnte, wollte er nichts sagen. Es gebe "keine Tabus", um 2012 wie geplant wieder schwarze Zahlen einzufliegen.

Gleichzeitig wird Air Berlin auf der Suche nach neuen Erlösquellen erfinderisch und will sein Vielfliegerprogramm zu Geld machen. Geplant sei, die Mehrheit am hauseigenen Meilenprogramm "Topbonus" an ein Gemeinschaftsunternehmen zu verkaufen, das der Airline zusammen mit einem Investor gehöre, hieß es. Die Erlöse aus der Transaktion sollen bis Jahresende fließen. "Das wird unsere Ertragssituation deutlich verbessern", sagte Finanzchef Ulf Hüttmeyer. "Topbonus" zählt drei Millionen Mitglieder. Den Namen des Joint-Venture-Partners verriet er nicht. Airline-Analyst Sebastian Hein vom Bankhaus Lampe gibt dem geplanten Verkauf keine guten Noten: "Topbonus ist wichtig für das Kerngeschäft und ein zentrales Kundenbindungsinstrument." Insofern sei es kritisch zu sehen, dass Air Berlin einen Mehrheitsanteil abgegeben wolle.

SOMMERGESCHÄFT BRINGT HÖHEREN QUARTALSGEWINN

Dem Ziel, 2013 schwarze Zahlen zu schreiben, ordnet Mehdorn, der Deutschlands zweitgrößte Fluglinie seit über einem Jahr lenkt, alles unter. Das Streckennetz wird ausgedünnt, die Flotte verkleinert. Damit drückte das Management die Kosten in den ersten neun Monaten um 170 Millionen Euro - im Gesamtjahr sollen 230 Millionen Euro zusammenkommen. Da das aber angesichts steigender Kerosinkosten und der Wirtschaftstalfahrt auf wichtigen Air-Berlin-Märkten wie Spanien nicht ausreicht, setzte Mehdorn auf das laufende Schrumpfprogramm noch ein neues namens "Turbine 2013" drauf. Zu tun gebe es in dem Unternehmen genug, betonte der Manager. "Air Berlin ist sehr schnell aufgebaut worden, dadurch sind gewisse Ineffizienzen entstanden." Der Berliner Konzern sei in einigen Bereichen nicht so gut wie die Konkurrenz.

Geld in die Unternehmenskassen brachte jüngst auch wieder das Fluggeschäft, nachdem hier in der ersten Jahreshälfte noch Verluste zu Buche schlugen. Im dritten Quartal kletterte der Betriebsgewinn (Ebit) um fünf Prozent auf 101 Millionen Euro - der Überschuss verdoppelte sich auf 67 Millionen Euro. Die schwarzen Zahlen überraschen nicht, da eigentlich alle Airlines im Sommer wegen des Urlaubsverkehrs gutes Geld verdienen. Dennoch kletterten die im SDax gelisteten Aktien gut ein Prozent auf 1,56 Euro.

DÜNNE KAPITALDECKE

Mehdorn hat bei Air Berlin ein schweres Erbe angetreten. Unter seinem Vorgänger Joachim Hunold war die Airline rapide gewachsen und hatte Konkurrenten wie DBA, LTU und Niki geschluckt. Das machte sich in der Bilanz bemerkbar: Die Einkaufstour und die jahrelangen Verluste hinterließen Schulden von 850 Millionen Euro. Die Kapitaldecke konnte Air Berlin zuletzt aufbessern: Die Eigenkapitalquote stieg Ende September auf acht Prozent - Mitte des Jahres waren es noch vier Prozent. Aber die acht Prozent seien eigentlich zu dünn für den Winter, sagte Analyst Hein. "Das Airline-Geschäft ist hochvolatil, da braucht man als Unternehmen einen großen Puffer." Andere Fluggesellschaften arbeiten mit 20 Prozent und mehr.

Im Gesamtjahr hat Air Berlin zuletzt 2007 einen Nettogewinn eingeflogen. Um über die Runden zu kommen, hat die Fluglinie Ende 2011 Etihad an Bord geholt. Die Airline aus der Golf-Metropole Abu Dhabi sicherte sich 30 Prozent der Aktien und stellte ein Darlehen über 255 Millionen Dollar zur Verfügung. Davon waren Mitte des Jahres 200 Millionen Euro verbraucht. Seit dem habe die Firma den Kredit nicht weiter angezapft, sagte Finanzchef Hüttmeyer. Verhandlungen über eine Aufstockung des Darlehens mit Etihad gebe es nicht, versicherte er.