Reckitt kommt Bayer bei Milliarden-Zukauf in die Quere

Freitag, 16. November 2012, 16:28 Uhr
 

Frankfurt/New York (Reuters) - Der britische Konsumgüter-Riese Reckitt Benckiser durchkreuzt die Übernahmepläne von Bayer in den USA.

Reckitt kündigte in der Nacht auf Freitag ein milliardenschweres Gegenangebot für den amerikanischen Vitaminhersteller Schiff Nutrition an und will Bayer damit ausstechen. Bayer-Chef Marijn Dekkers hat im Oktober eine mit dem Management von Schiff abgestimmte Offerte über 1,2 Milliarden Dollar vorgelegt und war fest überzeugt, den Deal bis Ende des Jahres in trockene Tücher zu bringen. Doch jetzt werden die Karten neu gemischt und der erste große Milliardendeal von Dekkers als Bayer-Chef droht zu platzen: Die Briten wollen 200 Millionen Dollar mehr bieten als Bayer. Sollte sich Deutschlands größter Pharmakonzern auf einen Bieterkampf einlassen, müsste er vermutlich tiefer in die Tasche greifen. Bayer wollte sich dazu nicht äußern.

Die Bayer-Aktie gewann im Börsenhandel in einem leicht schwächeren Gesamtmarkt dennoch 1,2 Prozent auf 66,21 Euro hinzu. "Selbst wenn Bayer nun mehr bieten würde, sehen das einige Anleger vielleicht immer noch nicht als zu hohen Preis an", sagte ein Händler. Aber es gab auch skeptische Stimmen. So halten die DZ-Bank-Analysten ein Tauziehen um Schiff für denkbar und warnen vor einem überhöhten Preis. Die Aktionäre der US-Firma können sich auf jeden Fall freuen: Da viele Investoren mit einem Bietergerangel rechnen, schnellte der Schiff-Aktienkurs im nachbörslichen Handel in den USA um fast 30 Prozent auf 44 Dollar in die Höhe. Reckitt-Papiere büßten an der Londoner Börse dagegen 0,8 Prozent ein.

Reckitt will 1,4 Milliarden Dollar für den Vitaminhersteller bieten, was einem Preis von 42 Dollar je Aktie entspricht. Die Offerte liegt 23,5 Prozent über dem Bayer-Angebot von 34 Dollar je Aktie. Der Vitaminhersteller sei eine ideale Ergänzung zu Reckitts neuen strategischen Schwerpunkten im Gesundheits- und Hygienegeschäft, erklärte Konzern-Chef Rakesh Kapoor. "Als die Offerte von Bayer kam - eine bilaterale Vereinbarung und keine öffentliche Auktion - wussten wir, dass das ein Feld ist, an dem wir sehr interessiert sind", sagte Kapoor der Nachrichtenagentur Reuters. Reckitt habe die Firma dann erneut durchleuchtet und geprüft, ob sich ein Gegenangebot für die Aktionäre lohnen würde. "Ausgehend von unserer Buchprüfung glauben wir, dass das so ist und deshalb sind wir mit einer starken Offerte herausgekommen." Die Briten seien zuversichtlich, dass die Schiff-Führung die Offerte als das bessere Angebot erkenne.

Gemessen an den Umsatzzielen von Schiff für das laufende Geschäftsjahr 2013 (bis Ende Mai) würde Reckitt das 3,6-fache des Jahresumsatzes für die Amerikaner hinblättern. Das liegt am oberen Rand dessen, was derzeit in der Branche für Geschäfte mit Gesundheitspräparaten gezahlt wird. Finanzexperten zufolge ist der Vorstoß der Briten vor allem markengetrieben. Schiff produziert mit etwa 400 Beschäftigten Vitamine und Präparate zur Stärkung der Gelenke und des Immunsystems. Dazu zählen MegaRed-Krillöl-Kapseln zur Stärkung des Herzkreislauf-Systems oder Move-Free-Tabletten zur Unterstützung der Gelenkfunktionen.

LUKRATIVER MILLIARDENMARKT

Reckitt ist für seine Haushaltsreiniger, Wasch- und Pflegemittel bekannt. Dazu gehören Marken wie Calgon-Entkalker, Kukident-Zahnprothesenreiniger oder Durex-Kondome. Mit Schiff würde der Konzern mit einem Schlag groß ins Geschäft mit Vitamin-Präparaten in den USA einsteigen. Die Briten gehen davon aus, dass Schiff nach einer Übernahme sofort zum bereinigten Gewinn des Konzerns beitragen kann. Die Investmentbank Morgan Stanley berät Reckitt bei der Offerte, bei Bayer ist es die Bank of America Merrill Lynch.

Schiff mit Sitz in Salt Lake City im US-Bundesstaat Utah hat laut Bayer-Finanzchef Werner Baumann etwa 120 bis 130 Millionen Dollar Schulden. Im Geschäftsjahr 2011/12 (Ende Mai) setzte das Unternehmen rund 259 Millionen Dollar um. Der Weltmarkt für Vitamine, Mineralien und Nahrungsergänzungsmittel hat derzeit ein Volumen von rund 30 Milliarden Dollar. Der Gesamtmarkt für frei verkäufliche Gesundheitspräparate ist etwa 90 Milliarden Dollar groß. Bayer kam 2011 in seiner Sparte Consumer Care, zu der unter anderem Aspirin, Alka Seltzer und das Magenmittel Rennie gehören, auf Umsätze von 3,5 Milliarden Euro. Mit dem Zukauf wollen sie ihre Position gegenüber Rivalen wie Johnson & Johnson und GlaxoSmithKline stärken.

Gemäß der Vereinbarung mit Bayer kann Schiff Gegenofferten prüfen, die bis zum 28. November hereinkommen. Falls die Amerikaner darauf eingehen sollten, erhält Bayer eine Ausgleichszahlung (breakup fee) von 22 Millionen Dollar - ein kleiner Trostpreis. Bei Schiff war zunächst niemand für eine Stellungnahme zu dem Vorstoß von Reckitt zu erreichen. Das letzte Wort haben wohl Schiff-Chairman Eric Weider und die Beteiligungsgesellschaft TPG Capital, die zuletzt rund 85 Prozent der Stimmrechte des Unternehmens kontrollierten.

 
A woman walks in front of the building of Germany's largest drugmaker Bayer HealthCare Pharmaceuticals in Berlin April 28, 2011. REUTERS/Fabrizio Bensch (GERMANY - Tags: BUSINESS HEALTH)