Luftalarm in Tel Aviv - Hoffen auf Waffenruhe vergebens

Freitag, 16. November 2012, 15:22 Uhr
 

Gaza/Tel Aviv (Reuters) - In der israelischen Metropole Tel Aviv wächst wegen des Konfliktes mit der Hamas im Gazastreifen die Angst vor Raketenangriffen wie im Golfkrieg vor gut 20 Jahren.

In der größten Stadt des Landes wurde am Freitag erneut Luftalarm ausgelöst. Die radikal-islamische Hamas bestätigte den Abschuss einer Rakete auf die Stadt am Mittelmeer. Nach Polizeiangaben stürzte das Geschoss ins Meer. Israelis und Palästinenser warfen sich den Bruch einer vereinbarten Waffenruhe während des Besuchs des ägyptischen Ministerpräsidenten Hischam Kandil im Gazastreifen vor. Bundeskanzlerin Angela Merkel äußerte sich besorgt und wies der Hamas die Schuld an der Eskalation zu: "Es gibt keinerlei Rechtfertigung für den Abschuss von Raketen auf Israel." Wenige Wochen vor einer Parlamentswahl in Israel wird eine Bodenoffensive nicht mehr ausgeschlossen: Die Armee berief 16.000 Reservisten ein. Nahe der Grenze waren Panzer und Panzerhaubitzen zu sehen. Die Sorge vor einem Lieferengpass trieb den Ölpreis an.

Nach Armee-Angaben feuerten radikale Palästinenser in zwei Stunden rund 50 Raketen auf israelische Städte ab. In Tel Aviv sorgt der Luftalarm für Angst und Schrecken. Ein Zeuge berichtete von einer Explosion. Nach Polizeiangaben lagen aber keine Berichte über Schäden vor. Bislang hatten sich die Bewohner vor Raketenangriffen aus dem Gazastreifen sicher gefühlt. Ein Minister berichtete, auch Regierungschef Benjamin Netanjahu sei in einen Sicherheitsraum gebracht worden. Tel Aviv war im ersten Golfkrieg 1991 das Ziel von Raketenangriffen aus dem Irak. Damals schlugen Scud-Raketen in Israel ein.

RESERVISTEN RÜCKEN IN KASERNEN EIN

Beide Seiten beschuldigten sich gegenseitig, die Waffenruhe gebrochen zu haben. Nach Darstellung der in dem Küstenstreifen herrschenden Hamas griff Israel während des Solidaritätsbesuchs von Kandil aus der Luft an und tötete zwei Menschen. Die israelischen Streitkräfte erklärten dagegen, während des Besuchs des Ägypters seien keine Angriffe auf Gaza geflogen worden. "Die Hamas lügt", erklärte die Armee über den Kurznachrichtendienst Twitter. Verteidigungsminister Ehud Barak genehmigte den Streitkräften, bis zu 30.000 Reservisten zu mobilisieren. Seit Mittwoch sind 22 Palästinenser und drei Israelis in dem Konflikt ums Leben gekommen.

Ägypten, das regelmäßig zwischen beiden Parteien vermittelt, schlug sich auf die Seite der Palästinenser. Präsident Mohammed Mursi warf der Regierung in Jerusalem eine unverhohlene Aggression vor. Mit Blick auf den Arabischen Frühling sagte er: "Das Ägypten von heute ist nicht mehr das Ägypten von gestern." Der Präsident war im Zuge des Volksaufstandes an die Macht gekommen.

Die Hamas ist ein Ableger der Muslimbrüder, die Mursi stützen. Der Staatschef hatte nach seinem Amtsantritt zugesichert, den Friedensvertrag mit Israel einzuhalten. Dieser gilt als Säule des brüchigen Friedens im Nahen Osten. Aus palästinensischen Kreisen erfuhr die Nachrichtenagentur Reuters, während des Besuch Kandils in dem Küstenstreifen sei an einer Entspannung des Konflikts gearbeitet worden: "Es wurde ein Prozess begonnen, um die Möglichkeit eines Waffenstillstands auszuloten." Noch sei es aber zu früh, um Details zu nennen. Für Samstag kündigte Tunesien einen Besuch seines Außenministers in dem Küstenstreifen an, um den Druck auf Israel zu erhöhen.

MERKEL MACHT HAMAS VERANTWORTLICH

Die Konfliktparteien wurden vom Ausland zur Zurückhaltung aufgerufen. Ein Sprecher Merkels sagte in Berlin: "Die Bundeskanzlerin verfolgt mit großer Sorge die Eskalation der Gewalt im Nahen Osten. Verantwortlich für den Ausbruch der Gewalt ist die Hamas in Gaza." Die Kanzlerin forderte die Verantwortlichen im Gazastreifen auf, sofort den Beschuss Israels einzustellen. Sie appellierte zudem an Ägypten, den Einfluss auf die Hamas zu nutzen und mäßigend auf die Islamisten einzuwirken. Eine Stellungnahme, ob die Bundesregierung einen Einmarsch Israels im Gazastreifen als legitim betrachten würde, lehnte der Sprecher ab.

Auch die EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton forderte die Hamas zum Stopp des Beschusses auf. "Israel hat das Recht, seine Bevölkerung vor solchen Angriffen zu beschützen", sagte Ashton in Brüssel.

Die Eskalation gab dem Ölpreis Auftrieb. Ein Fass der europäischen Sorte Brent wurde 0,8 Prozent höher bei knapp 109 Dollar gehandelt.

 
Smoke rises after Israeli air strikes in Gaza City November 16, 2012. REUTERS/Suhaib Salem (GAZA - Tags: CIVIL UNREST MILITARY POLITICS)