Hamas feuert Raketen auf Jerusalem und Tel Aviv

Freitag, 16. November 2012, 17:16 Uhr
 

Tel Aviv (Reuters) - Im Konflikt zwischen Palästinensern und Israelis hat die radikal-islamische Hamas Jerusalem und Tel Aviv mit Raketen beschossen.

Im Großraum der Heiligen Stadt sei eine Rakete aus dem Gazastreifen eingeschlagen, berichtete der israelische Rundfunk am Freitag. Durch das Geschoss wurde Rettungskräften zufolge aber niemand verletzt. Der bewaffnete Flügel der Hamas bekannte sich zum Abschuss einer Kassam-Rakete auf die Stadt. In Tel Aviv wuchs die Angst vor Raketenangriffen wie im Golfkrieg vor gut 20 Jahren: In der größten israelischen Stadt wurde Luftalarm ausgelöst, wobei die Rakete der Polizei zufolge ins Meer stürzte. Bundeskanzlerin Angela Merkel äußerte sich besorgt und wies der Hamas die Schuld an der Eskalation zu.

Wenige Wochen vor einer Parlamentswahl in Israel wird eine Bodenoffensive nicht mehr ausgeschlossen: Die Armee berief 16.000 Reservisten ein. Nahe der Grenze fuhren Panzer und Panzerhaubitzen auf. Die Sorge vor einem Lieferengpass trieb den Ölpreis an. Israelis und Palästinenser warfen sich den Bruch einer vereinbarten Waffenruhe während des Besuchs des ägyptischen Ministerpräsidenten Hischam Kandil im Gazastreifen vor.

Mit den Raketenangriffen auf Jerusalem und Tel Aviv eskaliert der Konflikt. Bislang hatten sich die Bewohner der Großstädte vor Raketenangriffen aus dem Gazastreifen sicher gefühlt. Ein Minister berichtete, auch Regierungschef Benjamin Netanjahu sei in einen Sicherheitsraum gebracht worden. Tel Aviv war im ersten Golfkrieg 1991 das Ziel von Raketenangriffen aus dem Irak. Damals schlugen Scud-Raketen in Israel ein.

RESERVISTEN RÜCKEN IN KASERNEN EIN

Beide Seiten beschuldigten sich gegenseitig, die für den Besuch des ägyptischen Regierungschefs vereinbarte Waffenruhe gebrochen zu haben. Nach Darstellung der in dem Küstenstreifen herrschenden Hamas griff Israel während der Visite von Hischam Kandil aus der Luft an und tötete zwei Menschen. Die israelischen Streitkräfte erklärten dagegen, während des Besuchs seien keine Angriffe auf Gaza geflogen worden. "Die Hamas lügt", erklärte die Armee über den Kurznachrichtendienst Twitter. Verteidigungsminister Ehud Barak genehmigte den Streitkräften, bis zu 30.000 Reservisten zu mobilisieren. Seit Mittwoch sind 22 Palästinenser und drei Israelis in dem Konflikt ums Leben gekommen.

Ägypten, das regelmäßig zwischen beiden Parteien vermittelt, schlug sich auf die Seite der Palästinenser. Präsident Mohammed Mursi warf der Regierung in Jerusalem eine unverhohlene Aggression vor. Mit Blick auf den Arabischen Frühling sagte er: "Das Ägypten von heute ist nicht mehr das Ägypten von gestern." Der Präsident war im Zuge des Volksaufstandes an die Macht gekommen. Tausende Ägypter gingen in mehreren Städten auf die Straße, um gegen die israelischen Luftangriffe zu protestieren. Nach den Freitagsgebeten versammelten sich etwa in Kairo mehr als 1000 Menschen und schwenkten ägyptische und palästinensische Fahnen.

Die Hamas ist ein Ableger der Muslimbrüder, die Mursi stützen. Der Staatschef hatte nach seinem Amtsantritt zugesichert, den Friedensvertrag mit Israel einzuhalten. Dieser gilt als Säule des brüchigen Friedens im Nahen Osten. Aus palästinensischen Kreisen erfuhr die Nachrichtenagentur Reuters, während des Besuch Kandils in dem Küstenstreifen sei an einer Entspannung des Konflikts gearbeitet worden: "Es wurde ein Prozess begonnen, um die Möglichkeit eines Waffenstillstands auszuloten." Noch sei es aber zu früh, um Details zu nennen.

MERKEL MACHT HAMAS VERANTWORTLICH

Die Konfliktparteien wurden vom Ausland zur Zurückhaltung aufgerufen. Merkel und der russische Präsident Wladimir Putin warnten vor einer weiteren Eskalation. Verantwortlich für den Ausbruch der Gewalt sei die Hamas, sagte Merkel am Freitag zum Abschluss der deutsch-russischen Regierungskonsultationen in Moskau. "Wir appellieren an die ägyptische Regierung, auch den Einfluss auf die Hamas geltend zu machen, damit es zu keiner weiteren Eskalation kommt." Putin betonte, beide teilten die Besorgnis über das Verhältnis zwischen Ägypten und Israel.

Die Eskalation gab dem Ölpreis Auftrieb. Ein Fass der europäischen Sorte Brent wurde 0,8 Prozent höher bei knapp 109 Dollar gehandelt.

 
Smoke rises following an Israeli strike in the Gaza Strip November 16, 2012. REUTERS/Ronen Zvulun (ISRAEL - Tags: POLITICS CIVIL UNREST MILITARY)