Frankreich-Herabstufung öffnet neue Front in Eurokrise

Dienstag, 20. November 2012, 19:57 Uhr
 

Paris/Berlin (Reuters) - Die Bonitätswächter von Moody's haben mit der Herabstufung Frankreichs eine neue Front in der Eurokrise eröffnet.

Die US-Ratingagentur entzog der zweitgrößten Volkswirtschaft der Euro-Zone die Bestnote und schürte damit Sorge vor einer Ausweitung der Schuldenkrise. Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble sprach am Dienstag von einer "mahnenden Beurteilung". Reuters-Informationen zufolge hat er beim Rat der Wirtschaftsweisen bereits vor kurzem ein Gutachten mit Reformvorschlägen für den wichtigsten Handelspartner Deutschlands angeregt. Frankreich steckt im Reformstau und droht den Anschluss an seinen Nachbarn zu verlieren. Die Regierung in Paris bemühte sich nach dem Warnschuss aus Übersee um Schadensbegrenzung.

Finanzminister Pierre Moscovici sagte Reuters, die Herabstufung bestärke die Regierung in ihrem Reformkurs. Er verwies zugleich darauf, dass der Entzug der Spitzennote durch die Ratingagentur S&P zu Jahresanfang nicht zu einer Verteuerung der Kredite geführt habe. Nach der Entscheidung Moody's gaben der Euro und die Kurse der französischen Anleihen zwar leicht nach. Doch fiel die Reaktion an den Finanzmärkten moderat aus: "Die Herabstufung Frankreichs ist eine Enttäuschung und ein Zeichen dafür, dass auch der Kern Europas etwas leidet. Aber die Märkte haben schon seit einiger Zeit über einen solchen Schritt spekuliert", erklärte Anaylst Graham Bishop von Exane BNP Paribas.

Auch wenn der Fokus in der Schuldenkrise oft auf dem von der Pleite bedrohten Griechenland oder dem seit Monaten auf den Rettungsschirm schielenden Spanien liegt, gilt Frankreich als das heimliche Sorgenkind des Währungsraumes. Das Land kämpft gegen steigende Arbeitslosigkeit und einen Niedergang seines Industriesektors an. Aus der Regierung waren nach der Moody's Warnung auch selbstkritische Töne zu hören: "Wir haben große Fortschritte gemacht, aber Zeit verloren. Wir hätten schon vor zwei Monaten beginnen sollen", hieß es in Paris zur Reformagenda.

Warnungen an die Adresse des französischen Präsidenten Francois Hollande kamen auch von unabhängiger Seite: Das von der Bertelsmann Stiftung angeschobene Rating-Projekt Incra verwehrte dem Land wegen des Reformstaus ebenfalls die Note "sehr gut" bei der Bewertung: "Frankreich ist bei Moody's jetzt exakt auf dem Rating, das wir auch herausgefunden haben", sagte Ex-Bertelsmann-Vorstandschef Gunter Thielen, einer der Gründer des Incra-Projekts. Wegen der steigenden Schuldenlast und der Herabsetzung des Rentenalters in Frankreich könne die Bewertung noch sinken. Zugleich werde es dem Land in einem widrigen wirtschaftlichen Umfeld extrem schwer fallen, ein großes Sparprogramm in die Tat umzusetzen: "Das wird eine echte Herausforderung", sagte Incra-Mitarbeiter Vincent Truglia, der selbst lange Zeit für Moody's tätig war.

"FRANKREICH IST NICHT DER KÜNFTIGE KRANKE MANN EUROPAS"

Der deutsche Präsident der Europäischen Investitionsbank (EIB), Werner Hoyer, warnte jedoch davor, die Lage des Landes zu dramatisieren: "Ich halte es für eine absurde Vorstellung, Frankreich zum künftig kranken Mann Europas zu erklären", sagte Hoyer im Reuters-Interview. Nach der Herabstufung durch die zweite große Ratingagentur dürfte es für Frankreich allerdings teurer werden, frisches Geld an den Kapitalmärkten aufzunehmen. Dadurch würde sich die ohnehin schwierige Haushaltslage weiter verschärfen.

Moody's bewertet die Kreditwürdigkeit des Euro-Schwergewichts nur noch mit "Aa1" - eine Stufe unterhalb des begehrten "Aaa". Gleichzeitig versah sie die neue Note mit einem negativen Ausblick. Es werde weitere Herabstufungen geben, sollte sich der Wirtschaftsausblick verschlechtern oder der Reformkurs stocken, warnte Moody's-Analyst Dietmar Hornung. Schließlich basierten der Haushalt 2013 und die mittelfristigen Pläne des Landes auf optimistischen Wachstumsprognosen. Nach einer Prognose der Brüsseler EU-Kommission wird die Wirtschaftsleistung 2013 nur um 0,4 Prozent und damit halb so stark wie in Deutschland zulegen.

Die Regierung in Paris will mit Steuererleichterungen die Unternehmen wieder fit für den globalen Wettbewerb machen. Den Arbeitgebern wurde eine jährliche Entlastung von bis zu 20 Milliarden Euro versprochen. Dadurch sollen die Arbeitskosten, die als zu hoch gelten, um sechs Prozent sinken. Finanziert werden soll das mit einer höheren Mehrwertsteuer und Haushaltskürzungen.

Trotz der Turbulenzen um Spanien, Italien und nun auch Frankreich sieht der Vermögensverwalter Allianz Global Investors keinen Grund, in Alarmstimmung zu verfallen. Die Gefahr, dass die Europäische Währungsunion in ihrer jetzigen Form nicht überlebe, sei in den vergangenen Monaten sogar gesunken, sagte Andreas Utermann, globaler Anlagechef (CIO) der Allianz-Tochter. Dafür habe nicht zuletzt der Chef der Europäischen Zentralbank (EZB), Mario Draghi, mit seiner klaren Aussage gesorgt, alles Notwendige zur Rettung des Euro zu tun.

 
The skyline of La Defense is seen behind Paris' landmark, the Arc de Triomphe, November 20, 2012. REUTERS/Christian Hartmann (FRANCE - Tags: POLITICS CITYSCAPE BUSINESS)