Bayer streicht die Segel im Ringen um US-Vitaminfirma

Dienstag, 20. November 2012, 16:25 Uhr
 

Frankfurt (Reuters) - Der erste Milliardendeal des neuen Bayer-Chefs Marijn Dekkers ist geplatzt.

Der Leverkusener Pharma- und Chemiekonzern gab am Dienstag seine Pläne zur Übernahme des US-Vitaminherstellers Schiff Nutrition auf. Bayer werde sich nicht auf einen Bieterstreit mit dem britischen Konsumgüter-Riesen Reckitt Benckiser einlassen und sein 1,2 Milliarden-Dollar-Angebot nicht erhöhen, teilte der Konzern der US-Börsenaufsicht mit. "Ein Wettstreit um Schiff Nutrition würde zu einem Preis führen, der den von Bayer gesetzten finanziellen Rahmen übersteigen würde", erklärte der Konzern. Für Deutschlands größten Pharmakonzern ist der Rückzug auch ein Rückschlag: Mit dem Zukauf auf dem weltgrößten US-Markt für Vitaminpillen wollte er den Marktführer Johnson & Johnson bei rezeptfreien Medikamenten herausfordern.

Bayer hatte Ende Oktober für das Unternehmen aus Salt Lake City 34 Dollar je Aktie Geboten, was damals bereits einem Aufschlag von 48 Prozent entsprach. Das Angebot war mit dem Management von Schiff abgestimmt - deshalb ging Bayer-Chef Dekkers fest davon aus, den Zukauf bis Ende des Jahres in trockene Tücher zu bringen. Doch dann legte Reckitt, bekannt für Marken wie Calcon-Entkalker, Kukident-Zahnprothesenreiniger oder Durex-Kondome, in der vergangenen Woche überraschend eine Gegenofferte vor, die rund 200 Millionen Dollar über dem Bayer-Angebot lag. Die Briten reiben sich nun die Hände: "Unser Angebot steht und wir freuen uns auf eine Einigung", erklärte eine Reckitt-Sprecherin. Man sei weiter in Gesprächen mit Schiff.

Der Markt für rezeptfreie Mittel ist für viele Pharmakonzerne attraktiv. Denn das Geschäft bietet eine risikoärmere und konstantere, wenn auch weniger profitable Einnahmequelle als das Geschäft mit rezeptpflichtigen Arzneien. Schiff produziert Vitamine und Präparate zur Verbesserung der Gelenkfunktionen und des Immunsystems. Dazu zählen unter anderem MegaRed-Krillöl-Kapseln zur Stärkung des Herzkreislauf-Systems oder Move-Free-Tabletten, die die Gelenkfunktionen unterstützen.

Bei Analysten fand die Entscheidung von Bayer dennoch Zustimmung: "Strategisch hätte das Angebot Sinn gemacht, es ist schade, dass Bayer es nicht bekommen hat", sagte Commerzbank-Experte Daniel Wendorff. "Es ist aber positiv, dass sich Bayer nicht auf einen Bieterwettkampf eingelassen hat. Das ursprüngliche Angebot war schon ambitioniert gepreist." An der Börse hatte die Absage an ein höheres Angebot kaum Auswirkungen: Die Bayer-Aktien lagen 0,4 Prozent im Plus bei 66,64 Euro, während der Leitindex Dax um 0,2 Prozent stieg.

ZUKÄUFE WEITER IM VISIER

Da Bayer die Segel streicht, entgeht dem Konzern die Chance, mit Schiff seine Position gegenüber großen Rivalen wie Johnson & Johnson oder auch GlaxoSmithKline auszubauen. Rund 40 Prozent des weltweiten Geschäfts mit rezeptfreien Mitteln entfällt auf die USA - insgesamt ist der Weltmarkt aktuell etwa 90 Milliarden Dollar (70 Milliarden Euro) groß. Bayer setzte im vergangenen Jahr in seiner Sparte Consumer Care, zu der unter anderem Aspirin, Alka Seltzer und das Magenmittel Rennie gehören, 3,53 Milliarden Euro um. Schiff kam zuletzt mit rund 400 Beschäftigten auf einen Jahresumsatz von umgerechnet rund 200 Millionen Euro.

Doch der Konzern bleibt gelassen: "Nach einer Reihe erfolgreicher Zukäufe wird Bayer seine Strategie fortsetzen, organisches Wachstum mit kleineren Akquisitionen zu ergänzen", erklärte Bayer in den Unterlagen für die US-Börsenaufsicht. Im September hatten die Leverkusener angekündigt, die amerikanische Tiergesundheitssparte des weltgrößten Generikaherstellers Teva für bis zu 145 Millionen Dollar zu übernehmen. Zuvor hatte Bayer im Juli den Kauf des Spezialisten für biologischen Pflanzenschutz AgraQuest aus Kalifornien für 425 Millionen Dollar auf den Weg gebracht. AgraQuest produziert auf Basis von Mikroorganismen Pflanzenschutzmittel für den Obst- und Gemüseanbau.

 
The logo of Germany's largest drugmaker Bayer HealthCare Pharmaceuticals is pictured on the front of its building in Berlin April 28, 2011. REUTERS/Fabrizio Bensch (GERMANY - Tags: BUSINESS HEALTH)