Bilanzskandal erschüttert Computer-Hersteller HP

Dienstag, 20. November 2012, 16:28 Uhr
 

San Francisco (Reuters) - Ein Bilanzskandal bei der übernommenen Software-Schmiede Autonomy erschüttert den weltgrößten Computerbauer Hewlett-Packard.

In ihrem Schlussquartal müssen die Amerikaner satte 8,8 Milliarden Dollar abschreiben, durch die Lasten türmt sich ein Verlust von fast sieben Milliarden auf, wie das Unternehmen am Dienstag mitteilte. An der Wall Street sorgte die Nachricht für Entsetzen bei den Anlegern: Der HP-Aktienkurs brach um knapp 14 Prozent ein.

Firmenchefin Meg Whitman war angesichts der mutmaßlichen Mauscheleien in den Autonomy-Büchern außer sich. "Die Mehrheit des Top-Managements war hier und hat dem Kauf seinerzeit zugestimmt, und wir fühlen uns deshalb furchtbar", sagte sie. Verantwortlich für die 11,5 Milliarden Dollar schwere Übernahme seien allerdings vor allem ihr kurzzeitiger deutscher Vorgänger Leo Apotheker und der einstige Strategiechef Shane Robison gewesen. Den Wirtschaftsprüfern Deloitte und KPMG warf sie indirekt Versagen vor. Beide hätten die Unregelmäßigkeiten nicht bemerkt. HP habe sich an die US-Börsenaufsicht und deren Amtskollegen in Großbritannien gewandt, um den angeblichen Schwindeleien nachzugehen. Ihr Haus werde straf- und zivilrechtliche einleiten, "um für die Aktionäre zu retten, was zu retten ist".

SCHWERE VORWÜRFE

Die Vorwürfe gegen das frühere Management von Autonomy wiegen schwer. So hätten die Manager vor dem Erwerb durch HP die Planungszahlen aufgepumpt, teilte der Hardwarekonzern mit. Investoren und potenzielle Käufer seien arglistig getäuscht worden. Die Bewertung des Unternehmens sei dadurch viel zu hoch gewesen. Die Sache sei aufgeflogen, nachdem sich ein hochrangiger Autonomy-Manager nach dem Abgang des Firmengründers Mike Lynch offenbart habe. HP habe nun die Wirtschaftsprüfer PWC angeheuert, um die alten Autonomy-Bilanzen weiter zu durchforsten.

Der frühere Autonomy-Chef Lynch reagierte überrascht auf die Anschuldigungen. Er prüfe derzeit die Veröffentlichungen von HP und werde sich nach einer Telefonkonferenz zu Wort melden, sagte eine Sprecherin. Für Analysten kam die Abschreibung nach der elf Milliarden Dollar schweren Wertberichtigung auf das Servicegeschäft (EDS) nur bedingt überraschend. "Nach der EDS-Abschreibung war die Frage, wann der gleiche Schritt für Autonomy folgt", sagte Gartner-Experte Neil MacDonald. "Wenigstens haben sie das jetzt geradegezogen."

AUTONOMY SOLL NICHT VERRAMSCHT WERDEN

Trotz des gigantischen Fehlschlags will HP an dem Zukauf festhalten. "Wir stehen zu 100 Prozent zu Autonomy", hieß es. HP hatte sich den britischen Spezialisten für Unternehmenssoftware 2011 einverleibt, um sein Geschäft mit Firmenkunden zu stärken und dabei seine Rendite - ähnlich wie der Rivale IBM - auf Vordermann zu bringen. Analysten hatten den Preis damals schon als viel zu teuer kritisiert.

HP leidet unter der Schwäche des traditionellen PC-Markts, da vor allem Privatkunden immer mehr auf Tablet-Computer und Smartphones umsteigen. Den Trend belegten auch die Zahlen des Konzerns in seinem vierten Geschäftsquartal (zum 31. Oktober). In dem Zeitraum schrumpfte der HP-Umsatz binnen Jahresfrist um rund sieben Prozent auf knapp 30 Milliarden Dollar, weniger als Analysten vorausgesagt hatten. Der Gewinn ohne die Sonderabschreibung schrumpfte um drei Prozent auf 2,3 Milliarden Dollar.

 
A logo of HP is seen outside Hewlett-Packard Belgian headquarters in Diegem, near Brussels January 12, 2010. REUTERS/Thierry Roge (BELGIUM - Tags: EMPLOYMENT BUSINESS)