Bilanzaffäre erschüttert Hewlett-Packard

Dienstag, 20. November 2012, 17:36 Uhr
 

San Francisco (Reuters) - Eine Bilanzaffäre bei der kürzlich übernommenen Softwarefirma Autonomy erschüttert den High-Tech-Konzern Hewlett-Packard.

In ihrem Schlussquartal mussten die Amerikaner 8,8 Milliarden Dollar abschreiben. Wegen der Lasten türmt sich ein Verlust von fast sieben Milliarden Dollar auf, wie das Unternehmen am Dienstag mitteilte. An der Wall Street sorgte die Nachricht für Entsetzen: Der HP-Aktienkurs brach um mehr als zehn Prozent ein. Das frühere Management der jetzigen Tochter wies die Vorwürfe zurück.

Hewlett-Packard erklärte, die Autonomy-Manager hätten vor dem Erwerb durch HP die Planungszahlen geschönt. Investoren und potenzielle Käufer seien arglistig getäuscht worden. Die Bewertung des Unternehmens sei viel zu hoch gewesen. Die Sache sei aufgeflogen, nachdem sich ein hochrangiger Autonomy-Manager nach dem Abgang des Firmengründers Mike Lynch offenbart habe. HP habe nun Wirtschaftsprüfer der Gesellschaft PWC engagiert, um die alten Autonomy-Bilanzen zu durchforsten.

Die Chefin des Computer-Herstellers, Meg Whitman, zeigte sich angesichts der mutmaßlichen Mauscheleien außer sich. "Die Mehrheit des Top-Managements war hier und hat dem Kauf seinerzeit zugestimmt, und wir fühlen uns deshalb furchtbar", sagte sie. Verantwortlich für die 11,5 Milliarden Dollar teure Übernahme seien allerdings vor allem ihr kurzzeitiger deutscher Vorgänger Leo Apotheker und der einstige Strategiechef Shane Robison gewesen.

Den Wirtschaftsprüfern Deloitte und KPMG warf sie indirekt Versagen vor. Beide hätten die Unregelmäßigkeiten nicht bemerkt. HP habe sich an die US-Börsenaufsicht und deren Amtskollegen in Großbritannien gewandt, um den angeblichen Schwindeleien nachzugehen. Ihr Unternehmen werde straf- und zivilrechtliche Schritte einleiten, um für die Aktionäre zu retten, was zu retten sei, sagte Whitman.

EX-AUTONOMY-CHEF LYNCH WEIST VORWÜRFE ZURÜCK

Der frühere Autonomy-Chef Lynch wies die Anschuldigungen weit von sich. HP habe Autonomy auch mit Hilfe externer Partner ausgiebig überprüft, sagte seine Sprecherin der Nachrichtenagentur Reuters.

Für Analysten kam die Abschreibung nach der elf Milliarden Dollar schweren Wertberichtigung auf das Servicegeschäft (EDS) nicht ganz überraschend. "Nach der EDS-Abschreibung war die Frage, wann der gleiche Schritt für Autonomy folgt", sagte Gartner-Experte Neil MacDonald. "Wenigstens haben sie das jetzt geradegezogen."

TREND ZU TABLETS UND SMARTPHONES TRIFFT HP

Trotz des Fehlschlages will HP an dem Zukauf festhalten. "Wir stehen zu 100 Prozent zu Autonomy", hieß es. HP hatte sich den britischen Spezialisten für Unternehmenssoftware 2011 einverleibt, um sein Geschäft mit Firmenkunden zu stärken und dabei seine Rendite - ähnlich wie der Rivale IBM - auf Vordermann zu bringen. Analysten hatten den Preis damals schon als viel zu hoch kritisiert.

HP leidet unter der Schwäche des traditionellen PC-Marktes, da vor allem Privatkunden immer mehr auf Tablet-Computer und Smartphones umsteigen. Den Trend belegten auch die Zahlen des Konzerns im vierten Geschäftsquartal, das am 31. Oktober endete. In dem Zeitraum schrumpfte der HP-Umsatz binnen Jahresfrist um rund sieben Prozent auf knapp 30 Milliarden Dollar, weniger als Analysten vorausgesagt hatten. Der Gewinn ohne die Sonderabschreibung schrumpfte um drei Prozent auf 2,3 Milliarden Dollar.

 
A logo of HP is seen outside Hewlett-Packard Belgian headquarters in Diegem, near Brussels, January 12, 2010. REUTERS/Thierry Roge (BELGIUM - Tags: EMPLOYMENT BUSINESS)