Siemens verärgert Bahn und Fahrgäste mit Zug-Verspätung

Donnerstag, 22. November 2012, 17:10 Uhr
 

Berlin/München (Reuters) - Zehntausenden Passagieren der Deutschen Bahn droht wegen fehlender Reservezüge ein stockender Winterverkehr.

Aufgrund wiederholter Lieferprobleme des ICE-Herstellers Siemens muss die Bahn inmitten neuer Passagierrekorde auf Entlastungszüge verzichten, die eigentlich zum Fahrplanwechsel am 9. Dezember eingeplant waren. Die ICE-Velaro wären eine wichtige Säule für die Stabilisierung des Fahrplans gewesen, sagte Bahn-Fernverkehrschef Berthold Huber am Donnerstag in Berlin, nachdem Siemens die Auslieferung von zunächst acht Zügen auf unbestimmte Zeit verschoben hatte. "Das tut uns schon weh." In den nächsten zwei Monaten sei mit ihnen auch sicher nicht zu rechnen. "Der Markt ist schlicht und einfach so gut, dass wir dringend neue Fahrzeuge brauchen, wenn wir die Nachfrage auch bedienen wollen", sagte er mit Blick auf den Fahrgastansturm der vergangenen Monate.

SIEMENS HATTE VERZÖGERUNG KÜRZLICH NOCH BESTRITTEN

Die Züge würden wegen Software-Fehlern nicht rechtzeitig zum Fahrplanwechsel Anfang Dezember geliefert, erklärten beide Unternehmen. Die Probleme seien während Testfahrten aufgefallen. Bis vergangene Woche hatte Siemens jede Verzögerung bestritten. Jetzt bedauerte der Konzern die Fehler. Für die Münchner setzt sich damit die milliardenschwere Pannenserie der vergangenen Jahre fort zu der Verzögerungen beim Bau von Atomkraftwerken, Großflughäfen und Stromanbindungen auf See gehören. Die nahezu baugleichen Eurostar-Züge für den Verkehr im Ärmelkanaltunnel, die ab 2014 verkehren sollen, seien von den Problemen nicht betroffen, sagte ein Siemens-Sprecher.

Die letzten neuen Fernverkehrszüge hatte die Bahn vor sieben Jahren in Betrieb genommen. "Wir hätten die Züge jetzt einfach sehr, sehr gut gebrauchen können", klagte Huber. "Insofern treffen uns die Lieferschwierigkeiten von Siemens ganz besonders hart, ganz unabhängig davon, dass der Winter vor der Tür steht." Man fühle sich zwar dennoch gut vorbereitet, allerdings wären die Züge als Reserve wichtig gewesen. Für den regulären Fahrplan seien sie nicht vorgesehen gewesen.

Siemens hatte die ersten der 16 ICE-Velaro eigentlich bereits vor einem Jahr ausliefern sollen. Zuletzt war geplant, die Hälfte zum Winter auf die Gleise zu bringen, der Rest soll im Laufe des Jahres 2013 folgen. Bestellt hatte die Bahn die Züge eigentlich vor allem für internationale Verkehre etwa nach Frankreich und Belgien und später auch nach London. Dies soll jetzt erst ab 2014 möglich sein.

Zu Schadenersatz-Ansprüchen wollte sich der Staatskonzern nicht äußern. Dafür müsse erst der endgültige Auslieferungstermin stehen, sagte Technik-Vorstand Volker Kefer. Man sei aber in Gesprächen. Siemens wollte sich ebenfalls nicht festlegen. Die Kostenfrage sei nicht Gegenstand der "öffentlichen Diskussion" sagte ein Sprecher.

NEUE IC-ZÜGE VERSPÄTEN SICH AUCH - ICE-ACHSEN OHNE ZULASSUNG

Für die Bahn und den Fernverkehr setzt sich die Serie von Problemen weiter fort. So verzögert sich der Austausch der Achsen der rund 250 ICE-Züge offenbar ebenfalls. Nach einem Achsbruch im Jahr 2008 sollten alle ab Herbst diesen Jahres durch neue ersetzt werden. Diese warteten aber noch auf die Zulassung, sagte Fernverkehrschef Huber. Man hoffe am Jahresende mit dem Austausch beginnen zu können, der dann aber über zwölf Monaten dauern werde. Derzeit müssen die ICE-Achsen spätestens alle 30.000 Kilometer geprüft werden, was den Einsatz der Flotte weiter begrenzt. Mit neuen Achsen soll dies dann nur alle 250.000 Kilometer nötig sein.

Im nächsten Winter 2013/2014 war zudem geplant, die Fernverkehrsflotte mit 27 Doppelstock-Zügen von Bombardier aufzustocken. Doch diese werden nun auch frühestens im Sommer 2014 zur Verfügung stehen.

 
REUTERS/Alex Grimm (GERMANY)