Swiss Life will bei AWD Schlussstrich ziehen

Mittwoch, 28. November 2012, 15:02 Uhr
 

Zürich (Reuters) - Der Schweizer Lebensversicherer Swiss Life will einen Schlussstrich unter das unrühmliche Kapitel AWD zu ziehen.

Der Namen des deutschen Finanzmaklers wird aus dem Verkehr gezogen und die Firma verkleinert, wie der größte reine Schweizer Lebensversicherer am Mittwoch ankündigte. Der Konzern nimmt dafür Abschreibungen von mehr als eine halbe Milliarde Franken und einen drastischen Gewinneinbruch auf weniger als 100 Millionen Franken in Kauf. Zudem will Swiss Life über drei Jahre 300 bis 400 Arbeitsplätze in Deutschland und der Schweiz streichen. "Wir müssen selbstkritisch anerkennen, dass wir die Wachstumsmöglichkeiten in Osteuropa und Österreich überschätzt haben", gab Konzernchef Bruno Pfister zu.

Drastischer formuliert es der Versicherungsanalyst Fabrizio Croce, der den Kauf von AWD im Jahr 2008 als "den größten und teuersten strategischen Irrtum der Firmengeschichte" bezeichnet. Eigentlich sollte der auf den Direktvertrieb von Finanzprodukten spezialisierte Makler der eher betulich wirtschaftenden Swiss Life den großen Sprung nach vorn und Wachstum in Osteuropa ermöglichen. Dafür stand auch der Name des illustren Firmengründers Carsten Maschmeyer, der wegen seiner Beziehung zur Schauspielerin Veronica Ferres und Freundschaften mit Prominenten und Politikern gerne die Boulevard-Presse beschäftigt. Er ließ sich sein Lebenswerk mit rund 1,2 Milliarden Euro vergolden und sollte in Zürich als Mitglied des Swiss Life-Verwaltungsrats für frischen Wind sorgen.

SCHWEIZER SERIOSITÄT SOLL BEI AWD EINZUG HALTEN

Doch AWD konnte die Umsatzhoffnung nie erfüllen. Zugleich hagelte es mit der Finanzkrise Klagen von enttäuschten Kunden, die AWD Falschberatung und zu hohe Provisionen vorwarfen. Zwar wurden die Klagen vor deutschen Gerichten in vielen Fällen abgewiesen, aber die Prozesse nagten an der Reputation und verursachten Kosten. Maschmeyer wurde zu einer Last und verließ den Verwaltungsrat Ende des letzten Jahres wieder. Auch manchem AWD-Berater wurde alles zuviel. "Die Anzahl der Berater ist entgegen unseren Absichten zurückgegangen", räumte Finanzchef Thomas Buess ein. Das fehlte dann beim Umsatz. Ende des dritten Quartals zählte AWD noch 4600 Berater. Die werden nun unter der Flagge "Swiss Life Select" segeln. "In Zukunft werden Swiss Life-Werte und die Swiss Life-Kultur gelten", sagte Pfister.

Verbraucherschützer in Österreich mögen nicht so recht an einen Wandel glauben. "Aus einer Drückerkolonne wird allein durch einen Namenswechsel kein seriöser Finanzberater", sagte der Rechtsexperte des Wiener Vereins für Konsumenteninformation (VKI), Peter Kolba. Der VKI wirft AWD systematische Falschberatung vor und hat fünf Sammelklagen mit 2500 Teilnehmern und einem Streitwert von 40 Millionen Euro laufen. AWD Österreich bestreitet die Vorwürfe.

Konzernchef Pfister, der damals als Finanzchef an der AWD-Übernahme beteiligt war, mochte auch rückblickend keine entscheidenden Fehler erkennen. "Strategisch gesehen war und ist die Erweiterung der Swiss Life-Gruppe um einen komplementären Finanzvertrieb wie AWD eine wichtige Weiterentwicklung", erklärte er. Die Welt habe vor der Finanzkrise eben anders ausgesehen, ergänzte der heutige Finanzchef Thomas Buess. Maschmeyer selbst bleibt Optimist. "Die Krise wird einmal vorbei sein. Swiss Life wird noch viel Freude an AWD haben" erklärte er vor wenigen Tagen der Schweizer "Handelszeitung". Aber eben unter neuer Flagge. Selbst die AWD-Arena in Hannover soll einen neuen Namen bekommen. "Es ist unser Wunsch, eine Umbenennung vorzunehmen", sagte Konzernchef Pfister.

SWISS LIFE WIRD KLEINERE BRÖTCHEN BACKEN

Die früheren AWD-Aktivitäten in der Slowakei und in Ungarn wird Swiss Life aufgeben. Die Geschäft im Großbritannien, Polen, Österreich und Tschechien werden in eine Markteinheit International eingebracht, wo Swiss Life reiche Privatkunden und multinational tätige Unternehmen zusammengefasst hat. Auch in Deutschland, wo der mit bis zu 300 Stellen der größte Teil des Jobabbaus stattfindet, müssten die Pläne angepasst werden, erklärte Swiss Life, die selbst rund 7500 Mitarbeiter hat.

Für die nächsten drei Jahre verordnete sich der Konzern bescheidenere Ziele als bisher. Swiss Life peilt eine Rendite auf das bereinigte Eigenkapital von acht bis zehn Prozent an anstatt wie bisher zehn bis zwölf Prozent. Die Kosten sollen um 130 Millionen bis 160 Millionen Franken gesenkt werden.

Die Swiss Life-Versicherten sollen keine Nachteile erleiden. Die Anpassungen hätten keine Folgen auf das gebundene Vermögen der Versicherten und die Solvenz der Gesellschaft, versicherte Swiss Life. Auch die Aktionäre werden geschont. Zwar müssen sie akzeptieren, dass der Gewinn weit von den gut 600 Millionen Franken des Vorjahres entfernt ist, die Dividende soll mit 4,50 Franken aber so hoch ausfallen wie im letzten Jahr. Die Aktie verlor an der Börse zwei Prozent auf 123 Franken.