Allianz will Sparkassen-Versicherer Provinzial Nordwest

Freitag, 30. November 2012, 16:32 Uhr
 

Düsseldorf (Reuters) - Der Münchener Versicherungsriese Allianz wildert bei den Sparkassen: Der deutsche Marktführer will den zweitgrößten öffentlich-rechtlichen Versicherer Provinzial Nordwest kaufen, wie zwei mit der Angelegenheit vertraute Personen am Freitag sagten.

Laut einem Bericht der "Financial Times Deutschland" (Online-Ausgabe) bietet Allianz-Chef Michael Diekmann 2,25 Milliarden Euro, was dem Buchwert für den in Münster und in Kiel ansässigen Versicherer entspräche. Die Allianz nimmt damit erneut einen Anlauf, in die Phalanx der Sparkassen-Versicherer einzubrechen, um ihr Geschäft im Inland voranzubringen, wo sie etwa in der Autoversicherung Boden verloren hat. Vor zwei Jahren hatte sie laut Finanzkreisen vergeblich um die Provinzial Rheinland gebuhlt. Die Allianz und die Provinzial Nordwest wollten sich nicht zu den Informationen äußern.

Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL), der 40 Prozent an der Provinzial Nordwest hält, erteilte einer Trennung von dem Versicherer aber eine vorläufige Absage: "Wir planen derzeit nicht, unsere Anteile an der Provinzial Nordwest zu verkaufen", erklärte LWL-Direktor Wolfgang Kirsch. "Die Provinzial, die eine Institution in Westfalen ist, kann aber nur mit der Zustimmung aller Anteilseigner verkauft werden." Der Sparkassenverband Westfalen-Lippe hält ebenfalls 40 Prozent, der Sparkassenverband Schleswig-Holstein 18 und der Ostdeutsche Sparkassenverband zwei Prozent. Hinter der LWL stehen 18 Kreise und neun Städte im Osten von Nordrhein-Westfalen, von denen viele klamm sind. Dem Zeitungsbericht zufolge erwägen die Städte und Kommunen aus der Region ernsthaft einen Verkauf ihrer Anteile.

In Sparkassenkreisen dürfte die Allianz aber auf massiven Widerstand stoßen. "Damit würden wir ein Einfallstor öffnen. Ich halte das für unvorstellbar", sagte ein Insider. Dann könnte die Allianz ihre Verträge auch über die Sparkassen verkaufen. In den Kreisen hieß es, ein Verkauf sei nur denkbar, wenn die Eigner große Probleme hätten - für den Sparkassen-Verband Westfalen-Lippe gelte das jedenfalls nicht. In Schleswig-Holstein sehe die Lage schwieriger aus. Mehrere Sparkassen seien dort in einer Schieflage, der Reservetopf sei relativ leer.

GEWERKSCHAFT WARNT VOR MARKTBEREINIGUNG

Die Gewerkschaft Verdi warnte vor dem Verkauf der Provinzial Nordwest: "Das wäre eine Katastrophe. Das Geschäftsmodell von Provinzial ist am Gemeinwohl orientiert und regional verwurzelt. Die Allianz würde nur eine Marktbereinigung machen", sagte Frank Fassin, Leiter des Verdi-Fachbereichs Versicherungen in Nordrhein-Westfalen. "Von der Provinzial würde dann nicht viel übrig bleiben."

Sparkassen-Chef in Westfalen ist Rolf Gerlach, der vor gut einem Jahr Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes (DSGV) werden wollte und nun als Widersacher der Verbandsspitze um DSGV-Chef Georg Fahrenschon gilt. Dem "FTD"-Bericht zufolge forciert vor allem Gerlach die Verhandlungen mit der Allianz, weil die Sparkassen 2013 mindestens 15 Prozent auf ihre Anteile an den öffentlichen Versicherern abschreiben müssten.

Die Landschaft der Sparkassen-Versicherer ist immer noch stark zersplittert. Vielfach orientieren sich die Strukturen an den Ländergrenzen von vor 1945. So ist die Nummer eins in der Branche, die Bayerische Versicherungskammer, auch für die Pfalz zuständig. In anderen Teilen von Rheinland-Pfalz sind Provinzial Rheinland und die SV-Versicherung aktiv. Fahrenschon sieht auch hier Chancen auf Fusionen. Aus einem der wenigen Zusammenschlüsse war 2005 die Provinzial Nordwest entstanden. Sie deckt neben Westfalen auch Hamburg, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern ab. 2011 hatte sie 3,04 Milliarden Euro Beitragseinnahmen, mehr als die Hälfte davon aus Schaden- und Unfallversicherungen. Die Versicherungskammer Bayern kam auf 6,58 Milliarden Euro, die SV-Versicherung liegt Kopf an Kopf mit der Provinzial Nordwest.

 
A logo of Europe's biggest insurer Allianz is pictured in Tokyo October 19, 2012. REUTERS/Yuriko Nakao